Boris Becker: "Der Pokerfan Boris Becker kommt zum Pokerturnier"

teampro-thumb.JPGSeit gut drei Jahren ist Boris Becker mittlerweile für PokerStars in der Pokerwelt unterwegs. Achtungserfolge gab es 2008, als er den Finaltisch bei einem Sideevent der EPT Monte Carlo erreichte, und 2009 mit einem Cash bei WPT No-Limit Hold'em World Championship im Bellagio (Las Vegas). Der große Wunsch, endlich auch bei einem Main Event der European Poker Tour einen Cash einzufahren, ging in der vergangenen Woche in Barcelona in Erfüllung. Für Rang 97 gab es zwar „nur" €8.000 Preisgeld (Buy-in: €5.300), für Boris persönlich war es dennoch der bisher größte Erfolg. Vor dem Turnierstart in Barcelona hatte ich die Gelegenheit mit dem Tennis-Idol ein kurzes Interview zu führen. Natürlich ging es bei diesem Gespräch auch um Gemeinsamkeiten zwischen Poker und Tennis. Es wird aber auch deutlich, was die ehemalige Nummer eins der Tenniswelt (sechs Grand-Slam-Siege) am Pokertisch antreibt.

PSB: Kommen wir doch gleich am Anfang auf das liebe Geld zu sprechen. Beim Poker dreht sich letztlich alles ums Geld, vor allem bei den Live-Events werden hohe Buy-ins gefordert und dementsprechend große Preispools in Millionenhöhe ausgespielt. Wie ist das für dich? Du hast ja schon in deiner Karriere als Tennisspieler sehr viel Geld eingespielt. Ist das auch beim Poker ein so großer Motivations-Faktor, oder geht es für dich in erster Linie um den sportlichen Wettkampf?

Boris Becker: Also für mich ist das nicht der Hauptgrund, warum ich mit Poker angefangen habe und weiter spiele. Geld ist natürlich eine angenehme Begleiterscheinung, aber dazu musst du auch erst mal Großes gewinnen. Der entscheidende Anreiz ist das Spiel an sich, der Kampf gegen sich selber, die anderen Spieler und gegen die Karten, den Dealer. Der Wettkampf ist die große Herausforderung, die mir riesigen Spaß macht.

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Boris Becker (re.) vs. Bertrand ElkY Grospellier


PSB: Beschäftigst du dich grundsätzlich mit No-Limit Hold'em oder findest du auch Zeit, dich mit anderen Varianten wie zum Beispiel Omaha auseinanderzusetzen?

Boris Becker: Momentan ist meine Priorität auf jeden Fall No-Limit Hold'em, aber an den Pokertischen wird auch viel über andere Varianten diskutiert, und das macht natürlich neugierig. Gerade Omaha ist ein sehr interessantes Spiel, in das ich mich auch schon eingelesen habe. Allerdings ist es relativ kompliziert, die Varianz deutlich höher, sodass ich mich bisher noch nicht an die Omaha-Tische gewagt habe.

PSB: Wie sieht es generell mit der Zeit für Poker aus? Spielst du noch regelmäßig online?

Boris Becker: Generell ja, aber das hängt auch von meinen anderen Aktivitäten ab. Es gibt Wochen, wo ich kaum spiele. In der nächsten Woche spiele ich dafür fast jeden Tag. Gerade bei großen Turnieren musst du dir auch den ganzen Abend frei nehmen, zwei Stunden bringen es dann nicht.

PSB: Und was bevorzugst du, Cash-Games oder Sit-and-Go's?

Boris Becker: Ich hab angefangen, vor Jahren, mit Sit-and-Go's. Das war mein Einstieg. Dann gewinnst du ein paar, und es wird ein bisschen langweilig, weil es letztlich ja doch immer auf Push-or-Fold hinausläuft.

Jetzt spiele ich doch eher die größeren Turniere. Ich spiel das Sunday Million gerne, wenn ich am Sonntag an einem ruhigen Ort bin und dann auch mal Zeit habe für acht Stunden oder mehr. Turniere mit vielen Spielern, die dann auch länger dauern, das hat einfach mehr diesen Wettkampf-Charakter, den ich vom Live-Spiel mag.

PSB: Der Wettkampf kann natürlich auch zu Frust-Erlebnissen führen. Wenn es nicht läuft und sich Fehler einschleichen, geht beim Tennis auch mal der ein oder andere Schläger zu Bruch. Wie gehst du damit beim Poker um? Auf EPT-Turnieren bist du ja auch als Repräsentant für PokerStars dabei und musst dich zurückhalten, aber wie läuft das nach einem Bad Beat vor dem heimischen PC?

Boris Becker: Also zu Bruch gegangen ist noch nichts, und mit Schlägern werfe ich beim Poker auch nicht. Aber es kommen schon mal einige unschöne englische Ausdrücke. Ja klar, dann wird es auch laut zuhause.

PSB: Glücksfaktor beim Poker und beim Tennis: Ein Suckout beim Poker und ein Netzroller beim Tennis - kann man das vergleichen?

Boris Becker: Ja, das kann man gut vergleichen. Gerade bei gleich starken Spielern im Tennis und im Poker sind es Nuancen. Gibt es eine schlechte Schiedsrichter-Entscheidung, einen Netzroller, einen Linienball, einen Rahmenball oder einfach Situationen, die du nicht unter Kontrolle hast, die aber spielentscheidend sind. Und die gibt es im Tennis oft. Man überschätzt die Tatsache, dass die besseren Spieler immer Favorit sind. Es hängt oft an wenigen Bällen, dem entscheidenden Break im dritten Satz. Wenn die Nummer eins gegen die Nummer 80 gewinnt, ist das häufig auch eine Frage des Selbstvertrauens. Der schwächere Spieler traut es sich einfach nicht zu, gegen die Nummer eins zu gewinnen.

Und beim Poker ist es ähnlich. Du sitzt mit einem bekannten Profi am Tisch und denkst „Oh Gott, das ist ja soundso, der ist ja viel besser als ich". Schon schwindet dein Selbstvertrauen. Dann spielst du anders, in der Regel schlechter. Die andere Situation ist natürlich ein Bad Beat, den ein Profi in der Regel schnell wegsteckt, während ein Hobby-Spieler danach oft völlig von der Rolle ist. Ob Tennis, Fußball oder Poker - die Psyche spielt immer eine ganz entscheidende Rolle.

PSB: Selbstvertrauen ist ein gutes Stichwort. Am Freitag vor dem Formel 1-Rennen gab es ein von PokerStars organisiertes Turnier in Spa. Um was ging es da genau und konntest du Selbstvertrauen für die EPT Barcelona tanken?

Boris Becker: Das war ein Einladungsturnier, und es wurden unter anderem Karten für das Formel 1-Rennen ausgespielt. Aber es waren viele gute Spieler da, auch viele vom Team PokerStars, und das motiviert natürlich, weil man den Respekt der Kollegen bekommt. Die fragen sich natürlich auch, kann er das überhaupt, nimmt er das ernst. Ich habe es dann an den Finaltisch geschafft, wurde letztlich Siebter. Diese kleinen Erfolge sind für mich wichtig.

PSB: Ja, die lieben Kollegen. Du hast mittlerweile auch schon einige große Events mitgespielt. Wie hat sich das Verhältnis zu den Pokerspielern in den vergangenen drei Jahren geändert?

Boris Becker: Ich kenne natürlich mittlerweile einen Großteil der Spieler. Es ist, wie auch beim Tennis, eine große Pokerfamilie, die von Turnier zu Turnier reist. Wir tauschen uns aus, und ich glaube, ich werde mittlerweile ein wenig ernster genommen. Es ist jetzt weniger „Der Tennisspieler kommt zum Pokerturnier", sondern „Der Pokerfan Boris Becker kommt zum Pokerturnier". Das ist für mich angenehmer, weil ich am Anfang auch beweisen musste, dass ich eine Hand spielen kann. Das ist nun vorbei und - wie schon gesagt - angenehmer für mich.

PSB: Beim Tennis ist es ja so, dass man in der ersten Runde lieber einen vermeintlich leichteren Gegner zugelost bekommt. Wie siehst du das beim Poker?

Boris Becker: Natürlich brauche ich auch zu Beginn eines Pokerturniers nicht vier oder fünf Pros am Tisch. Aber mit ein oder zwei guten Spielern kann ich leben, denn für mich ist es auch sehr interessant zu beobachten, wie Profis in bestimmten Situationen spielen. Allein um auch zu sehen, wo ich mit meinem Spiel stehe.

PSB: Direkt nach Barcelona beginnt auch schon die World Championship of Online Poker bei PokerStars. Hast du schon auf den Turnierplan geschaut und dir ein paar Turniere im Kalender notiert?

Boris Becker: Da werde ich ganz bestimmt bei einigen Turnieren mitspielen. Besonders verlockend ist natürlich der Main Event mit einer Million garantiert für den Champion, da werden alle starken Spieler dabei sein. Aber einen genauen Plan, welche Events ich spiele, gibt es nicht. Es muss zeitlich einfach passen, da die Struktur ja auch für sehr lange Spielzeiten sorgt.

PSB: Eine letzte Frage, Boris: Hast du dir bestimmte Ziele beim Poker gesetzt?

Boris Becker: Ich denke, dass ich mein Spielniveau durch die Coachings, die Live-Turniere und vor allem die vielen Online-Sessions mit guten Spielern einfach verbessert habe. Das möchte ich natürlich auch im Turnier zeigen. Ich möchte einfach mal bei einer EPT diesen Lauf bekommen, mit einem guten Stack in den dritten Tag kommen, und diesen dann auch nutzen, um Druck auszuüben. Kurzfristig ist das Ziel bei einer EPT natürlich immer der nächste Tag.

PSB: Dann wünsche ich weiterhin viel Glück an den Pokertischen dieser Welt und bedanke mich für das Gespräch.

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Boris Becker freute sich in Barcelona über den ersten EPT-Main-Event-Cash