2013 fing gut an, aber da kommt noch mehr ...

von Vanessa Selbst

Normalerweise bin ich kein sentimentaler Typ, aber zu Beginn eines neuen Jahres werde ich automatisch nachdenklich. Der 1. Januar zwingt einen irgendwie auf das vergangene Lebensjahr zurückzublicken - was man zuwege gebracht hat und was nicht - und zu überlegen, was im neuen Jahr anders ablaufen könnte. Ich muss schon sagen: 2012 war phänomenal.

Zum ersten Mal in meiner aktuellen Pokerlaufbahn standen das Pokern und das Jurastudium nicht in direkter Konkurrenz um meine Zeit und meine Aufmerksamkeit. Im Januar 2012 absolvierte ich die letzten Abschlussprüfungen, klappte die zehn Kilo schweren Gesetzestexte zu und hoffte inständig, dass mein Diplom demnächst im Briefkasten läge. Danach widmete ich mich voll und ganz dem Pokern. Ich fühlte, dass mein Spiel sich in mancher Hinsicht gelitten hatte, und weil ich mich mit Mittelmäßigem einfach nicht zufrieden geben kann, konzentrierte ich meine gesamte Energie darauf, analytisch über mein Game nachzudenken, Schwachstellen zu beheben und kreativ zu spielen. Wie konnte ich mein Spiel auf ein höheres Niveau heben?

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(Natürlich würde es nicht schaden etwas ganz Großes zu gewinnen,
aber dazu kommen wir gleich noch.)

Ich statt des intensiven Jurastudiums betrieb ich nun ein ebenso intensives Pokerstudium. Ich spielte so oft und wo ich nur konnte. Ich fror im Februar in Deauville, flog im März über die schneebedeckten Alpen, spazierte im April in den Straßen von Berlin umher und tankte im Mai Sonne in Monte Carlo. Ich spielte EPTs, WPTs, das LAPC, das Bay 101 und die Premiere League. Als ich mit meinem NLHE und meinem PLO einigermaßen zufrieden war, richtete ich meinen Blick auf die Mixed Games. Ich las dazu Bücher, spielte auf PokerStars, schaute mir Videos an und holte mir Ratschläge von Experten. Das zahlte sich definitiv aus.

Meine WSOP war einfach unglaublich. Wenn man zur World Series kommt, liegen immer Optimismus und die Aufregung über die kommende Jagd nach einem Bracelet in der Luft - Freuden die ganz schnell durch tagtägliche Bust-outs und die endlosen Grindingsessions zerstört werden können. In diesem Jahr aber kam es anders für mich. Beinahe hätte ich es schon im ersten Event geschafft, das ich spielte. Ich wurde Vierte, was mich sehr enttäuschte, wo ich dem Ziel so nahe gekommen war und es dann doch knapp verfehlte. Dieser deepe Run legte aber meine Marschroute für den Rest der Series fest, und ich strengte mich noch mehr an. Ich war unentwegt hinter dem Bracelet her, und schließlich kam es im Event #52 - einem $2.500 Mixed Game Turnier. Den krönenden Abschluss bildete das Main Event, wo ich noch nie so weit gekommen war wie dieses Mal: Ich schaffte es bis in Tag 6 und wurde 73.

2012 war ein so stürmisches Jahr für mich, dass ich mir kaum vorstellen konnte, wie das 2013 zu toppen sein könnte, zumal es ja gleich zu Beginn mal wieder auf die Bahamas ging. Mein schlechtes Abschneiden beim PCA hatte schon eine gewisse Tradition. Obwohl ich dort immer sehr viel Spaß mit meinen Freunden hatte, passen Pokern und PCA für mich nicht zusammen. Vielleicht passen die Wasserrutschen ja besonders gut zu mir, denn häufig fliege ich innerhalb der ersten paar Stunden aus den Turnieren und finde mich dann für den Rest des Tages bei etlichen Piña Coladas am Pool wieder, schaue mir Mantarochen an und schubse die Tubes von Freunden auf dem Lazy River um.

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Glücklich verlobt auf Paradise Island: Vanessa Selbst und Miranda Forster

Jetzt bin ich sehr froh darüber verkünden zu können, dass 2013 wohl meinen PCA-Fluch gebrochen hat. Ich spielte sehr viel an den Pokertischen und dementsprechend weniger an den Wasserrutschen. Innerhalb von einer Woche verlobte ich mich, kam im Super High Roller sehr weit (obwohl ich letztendlich dank eines riesigen Bluffs verlor), gewann das High Roller Event und stieg an die Spitze der Women's All Time Money List. Seit einigen Monaten feile ich intensiv an meinem Spiel, ganz besonders geht es um das Feintuning an den Punkten, bei denen ich im Lauf des vergangenen Jahres suboptimal agiert habe. Diese harte Arbeit hat sich schon bezahlt gemacht - auf den Bahamas habe ich einige Male ein sehr gutes und vor allem sehr fokussiertes Spiel Poker gespielt. Obwohl ich genauso winterbleich nach Hause komme wie ich wegfuhr, ist es ein großartiges Gefühl, schon so früh im Jahr "in the zone" zu sein.

Aber das war ja erst der Anfang.

Wenn 2012 mich eins gelehrt hat, dann dieses: Ich muss Poker immerzu als Lernprozess angehen. Es gibt immer noch etwas zu lernen, etwas zu tun und zu bewältigen. Ich bin bereit für diese Herausforderung. Nur zu, 2013 - ich bin für dich bereit.

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Im Original veröffentlicht auf PokerStarsBlog.com am 18. Januar. Eine kleine Anmerkung: Ganz abgesehen von ihrem Glück in der Liebe und dem folgerichtig und prompt eintretenden (nur ganz kurzem) Pech im Spiel (Bust-out im Super High Roller, ohne ITM zu kommen) wurde Team PokerStars Pro Vanessa Selbst auch noch von den Lesern des Bluff Magazins zur besten Pokerpielerin 2012 gekrönt. Frau weiß ja gar nicht mehr wo mit den Glückwünschen anfangen oder aufhören

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