Wie Dana Castaneda und Loni Harwood in Las Vegas Pokergeschichte schrieben

In für beide Geschlechter offenen Pokerturnieren sind Frauen meistens mit drei bis fünf Prozent vertreten - was heißt, dass dort pro Frau mindestens 20 Männer mitspielen. Ohne es akribisch durchrechnen zu wollen (denn das haben wir ja schon nach der WSOP 2012 getan), tendiert die mathematische Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau so ein Event gewinnt mathematisch gesehen gegen Null. Es ist also durchaus eine Nachricht wert, wenn eine Frau sich durch ein schwieriges Teilnehmerfeld kämpft und als Last Person Standing daraus hervorgeht.

Bei der World Series of Poker in diesem Sommer gelang dies gleich zwei Frauen. Von den 61 Events, die für jede(n) offen waren, gingen zwei goldene Bracelets an Frauen - beide Male waren es No Limit Hold'em Turniere, und beide Male waren die Frauen als Shortstacks an den Final Table gekommen. Und bei keiner von beiden handelte sich um Vanessa Selbst, die 2008 ein PLO Event und letztes Jahr das 10-Game gewonnen hatte.

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Das $1.100 NLHE, das Dana Castaneda gewann, war eins der letzten Turniere der WSOP. Zuvor hatte sie die Ladies Championship gespielt und mit Platz 94 die Geldränge erreicht. In einem der Carnivale of Poker Side Events war sie ebenfalls ins Geld gekommen. Event 54 aber sollte das ihre werden - und zwar samt Bracelet und mehr als 454.000 Dollar. Zum ersten Mal seit 2007 hat damit wieder eine Frau in einem NLHE Event der WSOP gesiegt. Dana ist 31 Jahre alt.

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Unterdessen schickte sich Loni Harwood ebenfalls an, Poker- und WSOP-Geschichte zu schreiben. Zunächst cashte sie "nur" - im Event #6 verdoppelte sie das $1.500 Buy-in, Platz 43 im Event #18 brachte ihr $6.784, beim Pot Limit Omaha Hi/Lo Event #31 kam sie an den Final Table und gewann knapp $40.000, es folgten $5.556 im NLHE Shootout. Anscheinend war das aber nur Vorgeplänkel, denn nun legte sie richtig los: Beim NLHE Event #53 wurde sie Vierte, was mehr als $210.000 bedeutete, und schließlich schnappte sie sich im NLHE Event #60 das Bracelet und fast $610.000. Damit holte sie nicht nur Cyndy Violette ein, die seit 2005 den Rekord als Frau mit den Final Tables bei einer WSOP gehalten hatte: Ihr Cash beim Event #60 markierte auch einen neuen Rekord - bis dahin hatte noch keine Frau so viel in einem WSOP Turnier gewonnen. Loni ist 23 Jahre alt.

Viele Pokerspielerinnen hatten ihren Spaß daran mitzuerleben wie Dana und Loni siegten. Beide hatten zeitweise nur noch wenige Chips übrig, beide spielten astreines Poker, und beide führten die Wahrscheinlichkeitsrechnung ad absurdum, indem sie die begehrten WSOP Bracelets eroberten.
Tatsächlich allerdings könnten sie kaum unterschiedlicher sein.

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Für Dana Castenada ist Poker kein Vollzeitjob. Sie stammt aus dem Westen der USA, ihre Mutter lebt in Laughlin, der Vater in Las Vegas. Nach ihrer Heirat zog sie 2007 nach Kalifornien, in die Nähe des Morongo Casino Resort & Spa. Als Hausfrau langweilte sie sich zu Beginn ihrer Ehe häufig, weshalb sie eine Stelle als Assistentin des Polizeichefs von Morongo antrat. Zeitweise arbeitete sie auch als Cocktailkellnerin, ein Beruf, der der ehemaligen Poker- und Backjack-Dealerin vertraut war.

Bevor sie dem Hausfrauendasein Adieu gesagt hatte, war ihr Vater in ihre Nähe nach Kalifornien gezogen und hatte ihr ernsthaft Pokern beigebracht. Bald standen kleinere Cash Games und Turniere mit kleinen Buy-ins im Morongo auf ihrem Spielplan. Als sie nach Las Vegas kam um dort Verwandte zu besuchen beschloss sie, sich ein Turnier bei der WSOP zu gönnen. Auf dem Weg dorthin schaute sie in Laughlin bei ihrer kurz zuvor plötzlich erkrankten Großmutter vorbei.

"Oma, ich spiele bei der World Series of Poker", sagte Dana. Und ihre Großmutter sagte ihr einen Sieg voraus. "Danke, Oma. Natürlich musst du das sagen, aber danke!" Zwei Tage später starb die 1920 geborene Frau nach einem langen und erfüllten Leben.

Als Dana in Las Vegas ankam, war sie todtraurig. Ihre Großmutter hatte sie mit aufgezogen und in schlimmen Zeiten unterstützt. "Sie war immer für mich da", erinnert sich Dana. "Mein ganzes Leben über war sie wie ein Fels in der Brandung." Nicht lange zuvor hatte sie ihre Großmutter sogar ins Morongo mitgenommen. Dana saß dort in einem $2/$4 Limit Hold'em Cash Game hinter ihr und half ihr mit einem Straight Flush einen großen Pot zugewinnen: "Ship it!" ließ sie sie ihrem Gegner in der Hand zurufen. Die Oma verstand zwar nicht genau weshalb, tat es aber und gewann den Pot, dazu noch den High Hand Bonus von $100 und eine Morongo-Jacke, die sie gerne und stolz trug.

Dana spielte die Ladies Championship und kam ins Geld. Sie spielte ein Carnivale of Poker Event und kam ins Geld. Dann spielte sie Event #54.

"Während des Turniers setzte ich mir die ganze Zeit über ein Teilziel nach dem anderen", sagte sie und erklärte damit, wie sie mit ihrer Unerfahrenheit mit einem riesigen Event dieser Art umging. "Ich wollte es bis zur ersten Pause schaffen, dann bis zur Mittagspause, dann wollte ich abends zum ersten Mal meine Chips eintüten. Als ich am Vorabend von Tag 3 ins Bett ging, konnte ich kaum fassen dass nur noch 14 von uns übrig waren. Als ich an den Final Table kam dachte ich, ich würde gleich busten. Ich hatte nur noch einen Baby Stack, aber ich konnte immer wieder aufdoppeln und weitermachen. Erst beim four-handed Play begann der Gedanke einzusinken dass ich wirklich und ernsthaft gewinnen könnte."

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Unter ihren Railbirds befanden sich ihr Vater und ihr Bruder, der sich extra im Hard Rock Casino krank gemeldet hatte, und dessen Zimmergenosse. Mutter und Tante kamen aus Laughlin angereist, und an den Rails entdeckte sie einige Mitstreiter und Gegner, denen sie im Lauf des Turniers begegnet war. Zu denen, die sie lautstark anspornten, gehörte bis zum Beginn des Heads-ups auch die Frau ihres Gegners Jason Bigelow. Und dann hörte sie auch wieder die Stimme ihrer Großmutter, die ihr den Sieg prophezeit hatte. Während des Turniers berührte Dana immer wieder ihren linken Oberarm, auf dem ein Tattoo mit dem Gesicht ihrer Großmutter zu sehen war. "Das war ein verspielter Traum von Oma und mir", erinnert sie sich gerührt. "Aber er wurde wahr. All das geschah um ihretwillen." Und fügt lachend hinzu: "Ich hätte ihr sagen sollen dass ich das Main Event spiele!"

Es wurde ein bittersüßer Sieg für Dana. Obwohl sie ihre Lieben um sich hatte, vermisste sie ihre Großmutter schmerzlich. Zudem hatte Danas Mann ihr kurz vor ihrem Sieg die Scheidungspapiere geschickt, was er ihr aber erst nach dem Turnier sagte.

Aber Dana ist eine starke Frau. Sie entschloss sich nach Las Vegas zu ziehen, und machte sich sofort daran, in aller Freundschaft mit ihrem baldigen Exmann den Papierkram für die Scheidung zu erledigen. Mit ihrer 12jährigen Tochter machte sie sich zu einer Einkaufsorgie auf. Sie wird es sich gut gehen lassen.

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Loni Harwood ist Vollzeit-PokerPro und College-Absolventin. Geboren auf Staten Island, studierte sie an der Staten University of New York in Albany und diplomierte in Finanzwesen. Dass sie in dieser Zeit auch Pokern wie Pro lernte, verdankte sie ihrem Vater. Der liebte Spiele - von Backgammon über Bridge bis Poker. Als er begann online zu spielen tat Loni es ihm nach. Sie spielte für kleines Geld, machte damit aber ein paar 100 Dollar in der Woche schon bevor sie aufs College ging. "Ich hielt mich für reich", erinnert sie sich lächelnd.

Während ihres Studiums verlegte sie sich aufs Live-Pokern, war aber zu jung für alle Casinos abgesehen vom Turning Stone in einem benachbarten Indianerreservat. An den Wochenende verfeinerte sie ihr Spiel an $1/$2- und $2/$5-Tischen. Ihre ersten Turniere bestritt sie zusammen mit ihrem Bruder, den sie heute als ihren größten Fan betrachtet.

Nach Abschluss des Studiums zog Loni 2012 nach Florida um mehr live pokern zu können. Von ihrem Vater mit einer Bankroll ausgestattet, machte sie an den $2/$5-Tischen auf Anhieb genug Geld um ihm alles zurückzahlen zu können. Sie hatte sogar noch genug übrig, um sich das $345 Ticket für ein NLHE Event des WSOP Circuit leisten zu können. Prompt gewann sie $30.000 und einen Goldring. Im nächsten Monat gewann sie ein Turnier der Beach Series, im Folgemonat noch eins beim Seminole Hard Rock Showdown. Nun ging sie mit dem Poker Circuit auf Reisen, siegte im Mai 2012 bei einem Stopp in New Orleans und erreichte mehrere Final Tables.

In diesem Summer zog sie mit ihrer Begabung und einer wachsenden Bankroll nach Las Vegas, nicht ohne ein paar Sponsorings, die ihr einen vollen Spielplan ermöglichten. Nach ihrem ersten Final Table bei dieser WSOP kam sie ins Grübeln. "Meine Freunde sprachen dauernd davon, wie schwierig es sei bei der WSOP überhaupt an einen Final Table zu kommen, und es bedrückte mich irgendwie dass ich den meinen beim Omaha und nicht beim Hold'em erreicht hatte, das ja eigentlich mein Spiel ist", erzählt sie. Auch über den folgenden Final Table war sie eher enttäuscht, denn nach einem aufgeflogenen Bluff musste sie als Vierte gehen. Als sie wieder an einem saß, ließ sie es langsam angehen. "Ich arbeitete mich Schritt für Schritt vorwärts, war allerdings entschlossen dieses Mal zu gewinnen. Als ich mit A-K ein Paar Asse schlug, dachte ich, dass dieses Turnier definitiv mir gehören würde."

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Auch Loni hatte eine feste Fancrew an den Rails. Ihre Familie verfolgte alle ihre Fortschritte im Netz, unter den Zuschauern aber konnte sie ihren Freund Phillip Hui, andere gute Freunde wie Carter Myers, Tripp Kirk, Kyle Cartwright und noch mehr gute Bekannte vom Circuit sehen. Diese Art von Unterstützung ist ihr immer eine große Hilfe - und ganz besonders auf der Bühne die die WSOP bedeutet.

Sie gewann das Turnier und feierte mit ihrer "Wahlfamilie" aus Freunden. Ihren Sieg schreibt sie der Tatsache zu, dass ihr Bruder genau an diesem Tag 27 wurde. Beim Main Event machte sie recht schnell den Abgang, reiste zurück nach New York, um die Freude mit ihrer Familie zu teilen und versprach, ihrer Mutter ein neues Auto zu kaufen und über die Zukunft nachzudenken. "Ich finde es gut, dass ich das Geld habe und ein Diplom mir den Rücken stärkt", gesteht sie.

Bei all ihrer Jugend hat Loni schon sehr viel Erfahrung und solide Ausbildung sammeln können. Sie wird es sich gut gehen lassen.

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Wir gratulieren beiden Frauen zu ihren außergewöhnlichen Leistungen im Sommer 2013!

Im Original von Jennifer Newell auf PokerStarsBlog.com veröffentlicht. Alle Photos mit freundlicher Genehmigung von PokerNews.

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