Von den Besten lernen: Vanessa Selbst

Nice Hand!

Zwei Wörter, die Vanessa Selbst wie ein Mantra immer wieder über die Lippen kommen. Sie können genauso gut ein Kompliment für gutes Spiel bedeuten wie auch die Frustration nach einem gruselig schlechtem verbergen. Vielleicht ist sie aber auch nur einfach nur besonders höflich.

Selbst ist eine der bekanntesten Pokerspielerinnen der Welt. Ich beschloss, mich näher mit ihrem Spiel zu befassen, als ich sie beim WPT Borgata erlebte, das sie als Runner-up beendete, nachdem sie ganz knapp von Anthony Zinno geschlagen worden war. Verständlicherweise war sie wegen dieses verpassten Sieges frustriert, aber so übel ist ein zweiter Platz ja schließlich auch nicht.


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Allmählich bin mir darüber klar geworden, dass ich eine ganze Menge Schwächen ausbügeln muss, wenn ich beim Main Event der EPT Barcelona 2014 mitmischen will. Von echten Profis zu lernen, dürfte eine der besten Optionen dafür sein. Und bei wem soll ich anfangen, wenn nicht bei Vanessa Selbst? Sie ist der lebende Beweis dafür, wie unglaublich stark Frauen sich in der Pokerszene durchsetzen können. Ich befasste mich also näher mit ihrem Spiel, um herauszufinden, warum sie so verdammt gut ist, und ob ich die eine oder andere taktische Element von ihr adaptieren kann.

Wirklich inspirierend ist für mich zum Beispiel ihr aggressiver Spielstil. Als Einzelgängerin hat sie keine Angst davor, das Terrain mit hohen Raises zu sondieren. Ist sie einmal Pot-committed, dann ist sie es mit Haut und Haaren, auch wenn sie schon schwant, dass es vielleicht schlecht ausgeht. Das kann ich mit meiner exzessiven Erfahrung im Ausscheiden an der Bubble gut mitvollziehen. In Situationen, in denen eine gute Hand standardmäßig einen Raise mit sich bringen würde oder vielleicht ein Bluff angesagt wäre, tut Vanessa genau das Gegenteil. IHR Standardspiel besteht darin, die meiste Zeit über zu bluffen, was dazu führt, dass eine gute Hand ihr auch meistens einen riesigen Pot bringt. Sie verkörpert schlicht die (Poker-)Weisheit "Spiel so, als hättest du die beste Hand." Wenn man Vanessa beim Spielen zusieht, bekommt man tatsächlich den Eindruck, sie hätte jedes Mal Pocket Aces!

Ich habe ihr Spiel oft verfolgt, und zugegebenermaßen rief ich dabei ab und an "Tu das nicht, Vanessa!" Aber was sie tut funktioniert. Immer und immer wieder habe ich gesehen, wie bessere Hände unter dem Druck gefoldet werden, der von dem Kraftwerk Vanessa Selbst ausgeht. Zwei Dinge habe ich daraus gelernt:


  1. 1. Tightes Spiel führt nicht automatisch zum Erfolg.

  2. 2. Wenn du dich entschließt aggressiv zu spielen, dann tu das, als hättest du Eier aus Stahl!


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Vanessas Spielstil verändert definitiv die Weise, wie gerade gespielt wird, und dafür liebe ich sie einfach! Aus meiner Perspektive brauchen wir solche Pionierinnen, denn sie hauen den Pfad in die Zukunft frei für Frauen, die ihr eigenes Spiel spielen wollen. Indem Vanessa anders als herkömmlich spielt und damit Erfolg hat, gibt sie ein sehr kraftvolles Vorbild ab und spielt eine wichtige Rolle fürs Vorwärtskommen von Frauen auf der ganzen Welt als Pokerspielerinnen.

Ich kann mich mit vielen ihrer Meinungen zum Pokern identifizieren. Kürzlich sprach sie in einem Interview über den Pokerunterricht, den sie erteilt, und betonte, wie sehr es ihr eigenes Spiel verbessert habe, mehr als 70 Spieler gecoacht zu haben. Schon eine ganze Weile experimentiere ich meiner Ladies Poker League mit dem Gedanken, das Poker zu unterrichten auch mich selbst zu einer besseren Spielerin macht, und ich kann nachvollziehen, wie sehr einem das hilft. Ganz abgesehen davon ist es auch bewundernswert, dass sie der Pokergemeinde ständig etwas zurückgibt.
Sie wies auch darauf hin, was für große Fortschritte sie an ihrem eigenen Pokerspiel in den letzten Jahren bemerkt, und sie führt das ganz offen auf Erfahrung und Praxis zurück. In gewissem Maße hatte sie das Talent dazu wohl schon von klein auf, aber sie betont auch, dass zum Pokern Fähigkeiten gehören, die man erlernen kann. Mich als Pokerneuling ermutigt das, und es erinnert mich immer wieder daran, wie einfach es sein kann, an meinem Spiel zu arbeiten.

Geradezu frappierend ist die Intelligenz von Vanessa Selbst. Mit Abschlüssen in Politikwissenschaft und Jura ist sie alles anderer als eine ewige Studentin. Tatsächlich haben viele ihrer Gegner vergleichbare Bildungshintergründe, was letztlich ja auch ein Zeichen für die hohe Intelligenz ist, die sich an den Pokertischen trifft. Letztlich entkräftet das ja auch das Vorurteil, Poker sei ein Spiel für Leute, die keinen "echten" Job bekommen haben. Und was ein sogenanntes "angeborenes" Talent zum Pokern angeht - mit der Zeit konnte ich erkennen, dass es einer bestimmten Art von Intelligenz entspricht: der nämlich, Schlussfolgerungen zu ziehen. Also habe ich angefangen, mir jeden Tag logische Knobelaufgaben vorzuknöpfen, genau wie Vanessa Selbst das früher gemacht hat, um auch in diesem Bereich vorwärtszukommen.

Mit diesem Blickwinkel aufs Pokern endet die Parade der Ähnlichkeiten zwischen Selbst und mir leider auch schon. Während ich immerhin Do-it-yourself-Möbel zusammensetzen kann, sind Logikrätsel nicht gerade meine starke Seite. Ich versuchte mich auch daran, ihr Spiel mit den für sie so typischen hohen Raises und ihrem völlig angstfreiem Einsatz kleiner Paare nachzuahmen. Kurzfristig brachte mir das auch jedes Mal einen recht hohen Chipstack ein, langfristig aber flog meine "Bullyboy"-Taktik unausweichlich auf.


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Die Schönheit von Vanessa Selbsts aggressivem Spiel besteht darin, dass sie genau weiß, wann sie das tun kann. Meine Fähigkeit im Lesen von Händen bei anderen liegen noch ganz in den Anfängen, Lichtjahre von Vanessas Level entfernt. Als Lehrling kann ich diesen aggressiven Stil nur sehr angepasst-reduziert anwenden... jedenfalls im Moment noch.

"Von den Besten Lernen" ist eine mehrteilige Artikelserie auf PokerStarsBlog.com, in der Ann-Marie McCarthy weiblichen Mitgliedern der Teams von PokerStars auf die Finger schaut und manchmal auch einen Blick in die Karten erhascht.