Pokern - Auge in Auge vs. Online auf Facebook

Aus dem Leben einer Poker-Schreiberin. Normalzustand: Am nächsten Morgen ist ein Text abzugeben, und am Abend davor starrt frau seit gefühlt mehreren Stunden auf eine leere Seite. Sie würde lieber pokern... und zwar mit der Facebook App von PokerStars.net.

Ann-Marie McCarthy von PokerStarsBlog.com saß also da und hasste das Word-Dokument, das sie so höhnisch und vollkommen unbefleckt erwartungsvoll anleuchtete. Erschwerend kam das besondere Thema hinzu, über das sie an diesem Tag im August schreiben wollte: Darüber, wie sie sich unsterblich in Online Poker verliebt hatte. Wo sie sich doch eigentlich durch und durch dem Live Spielen an ECHTEN Tischen verschrieben hatte. Schließlich fasste sie sich ein Herz.

"Das erste Mal ernsthaft pokerte ich in einem Live Turnier, und ich fand es sehr spannend, Auge in Auge mit einem anderen Spieler dazusitzen. Ich war immer der festen Überzeugung gewesen, dass man einen Spieler besser lesen kann, wenn man ihm persönlich begegnet, und das Aufregendste überhaupt ist es ja wohl, wenn es dabei um echtes Geld geht, oder? Aber jetzt, wo ich einige Sessions mit der PokerStars Facebook App hinter mir habe, muss ich meine Meinung möglicherweise revidieren.


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Vor kurzem habe ich eine Live-Liga für Frauen ins Leben gerufen. Dahinter steht die Idee mehr Frauen die Möglichkeit zu geben für sich selbst zu entdecken wie viel Spaß Pokern macht, und es sollte eine Serie von Live Turnieren sein, damit die Frauen sich persönlich kennenlernen können. Ich eröffnete keinen Online Account dafür und lud auch niemanden ein, eine Poker App auszuprobieren, denn ich war sicher, ECHTES Pokern heißt Auge-in-Auge mit den GegnerInnen zu sitzen. Vielleicht war es ja ein wenig unüberlegt von mir, das Spielen online als "nicht wirklich Pokern" zu disqualifizieren. Einigermaßen verwirrt und erfreut gebe ich nun zu, dass das wohl eine Fehleinschätzung war.


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Eine der Damen aus meiner Women's Poker League fragte mich, welche Pokersite ich empfehlen könne. Spontan antworte ich: "Oh, ich spiele nicht online." Da ich aber auf Entdeckungsreise in der Pokerwelt unterwegs bin, realisierte ich schnell, dass ich schon sinnvolle Gründe dafür angeben sollte, warum ich nicht online pokern mag. Also beschloss ich es zumindest einmal auszuprobieren. Als erstes sprang mir die PokerStars Facebook App ins Auge. Facebook Apps sind überall und immer sofort nutzbar, und - was zu diesem Zeitpunkt für mich entscheidend war - man spielt dort kostenlos.

Einerseits fand ich das gut, denn ich musste mir keine Sorgen wegen des Geldes machen. Andererseits gibt es aber eben auch eine Kehrseite. Zunächst fiel mir auf, dass die Online Spieler setzten und raisten ohne nachzudenken. Jedes Mal wenn ich mit einer guten Hand einen Raise machte, der zumindest mir recht aussagekräftig vorkam, callte mich augenblicks mindestens ein anderer Spieler mit dem Temperament eines bissigen Rottweilers. Eigentlich sollte es ja ein Vorteil sein, wenn man selbst die stärkere Hand hat, aber wir alle kennen ja die fiese Angewohnheit der Pokergötter, uns auf dem Flop oder Turn alles zu versauen!

Ehrlich gesagt war ich am Anfang also total genervt und stellte mir immer wieder Fragen à la "Wieso zum Teufel musste der mit 9-2 offsuit All-in gehen?" Allmählich bemerkte ich aber, das Spiel auf einer kostenlosen App mindestens genauso viele Vorzüge hat wie meine Women's Poker League. Nicht nur erlaubt einem das Etikett "kostenlos", kühn zu setzen und zu raisen - die Anonymität beim Spielen von einem Computer aus hilft einem dabei zusätzlich. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht eine Stunde oder so damit verplempere, mich ausgehfein zu machen, hier kann ich ja einfach im Schlafanzug spielen.

Sinn meiner Liga war es zwar, andere Menschen für Poker zu interessieren und die Werbetrommel dafür zu rühren, andererseits wollte auch ich selbst davon profitieren, indem ich mehr Praxis bekam und an meinem eigenen Spielstil arbeitete. Bereits nach wenigen Pokernächten aber dämmerte mir, dass mein Spielstil von den persönlichen Beziehungen beeinflusst wurde. Diese Ladies gehörten zur Familie oder zumindest bald zum Freundeskreis, und ich wollte unter gar keinen Umständen eine von ihnen eischüchtern oder abschrecken. Ich stellte fest, dass ich Hände nicht optimal spielte, manchmal sogar absichtlich andere gewinnen ließ, bloß um ihnen zu mehr Selbstvertrauen zu verhelfen. Das wurde noch offensichtlicher als ich anfing online zu spielen. Gegen im Normalfall gesichts- und geschlechtslose Fremde zu spielen wird zum Vorteil, gerade weil es das Persönliche aus dem Spiel nimmt. Ich weiß, dass ich diesen Leuten aller Wahrscheinlichkeit niemals in persona begegnen werde, und dadurch entdeckte ich lupenreine Freiheit.


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Onlinespielen hat außerdem den Vorteil, dass du dich nicht um den Unsinn kümmern musst, der so erzählt wird. Einmal dauerte es volle 15 Minuten bis ich bemerkte dass jemand etwas für mich in die Chatbox neben dem Tisch geschrieben hatte. Wenn du nicht in den Trashtalk involviert bist, erkennst du, welche Psychologie jeweils dahintersteckt. An jedem Tisch gibt es einen aggressiven Maulhelden, der einen ein wenig einschüchtert, zumindest wenn man Anfänger ist. Und genau das soll es ja auch - einen aus der Fassung bringen und an der eigenen Hand zweifeln lassen. Manchmal haben solche Spieler gute Karten, meistens aber nicht, und durch die Anmache wollen sie dich in ihrem Sinne manipulieren - entweder sollst du folden oder noch was in den Pot einzahlen. Das Schöne daran, am PC zu sitzen ist jedoch, dass du sie schlicht ignorieren kannst, und dass sie gar nicht den kleinen Selbstzweifel mitbekommen, während dessen dein Ego reagiert, bevor es von deinem Gehirn zurückgepfiffen wird.

Mit dem eigenen Spielstil zu experimentieren ist für mich das A&O, herauszufinden, was bei mir funktioniert und was nicht Ich muss zugeben, dass kostenlose Apps die einzigen Rooms sind, die mir diese Freiheit definitiv lassen. Da habe ich schon 5.000 Chips in schlechter Position verplempert, und noch einmal 5.000 durch unglaublich aggressives Spiel, indem ich raiste und reraiste, einfach um zu sehen, ob ich meinen Gegner aus einer Hand würde scheuchen können. Und sogar noch mehr habe ich geopfert, indem ich stur geradeaus spielte, indem ich immerzu exakt dasselbe setzte.

Bei all dem Spaß, den ich dabei hatte, erkannte ich Im Endeffekt allerdings, dass es DEN EINEN richtigen Setz-Stil nicht gilt. All diese Taktiken können Details eines Gesamtbilds sein, wo jede in einer entsprechenden Situation eingesetzt wird. Letztlich ist eben jede Hand verschieden von jeder anderen, und jede Bet ist genau so einzigartig wie die Spielerin. Eine todsichere Methode zu pokern gibt es nicht. Oder, wie es der großartige Kenny Rogers in seiner Gamblerhymne formulierte: Du musst eben "wissen, wann du sie behalten und wann du sie weglegen musst", und "wann du am besten gehst" ("gotta know when to hold 'em, know when to fold'em," and "know when to walk away").