Leo Margets über Marathons und Pokerturniere

PokerStars TeamPro Leo Margets ist eine begeisterte Läuferin. Kürzlich zog sie einen interessanten Vergleich zwischen ihren beiden Lieblingsdisziplinen, Pokerturnieren und Marathonläufen.

Gute gelaufen

Jedes Jahr, wenn der Final Table der WSOP näher rückt, denke ich gerne zurück an das Jahr 2009, in dem mir beim Main Event ein Deep Run glückte und ich das Turnier mit dem 27. Platz beendete. Es war ein unglaublich langes, anspruchsvolles Turnier und verlangte mir wirklich viel ab. Tatsächlich hat ein solches Turnier viel gemeinsam mit einem Marathon - eine weitere Leidenschaft von mir. Zwar hatte ich bis dahin schon drei oder vier Marathons bestritten, jedoch war ich mir zu dem Zeitpunkt noch nicht über die vielen Ähnlichkeiten der beiden Disziplinen im Klaren. Nach den ersten Turnieren wurden mir die Ähnlichkeiten immer bewusster, was mir im Endeffekt bei späteren Events manches leichter machte.

Finde deinen Rhythmus

Während den ersten paar Levels eines Turniers, oder den ersten 15 Kilometern eines Marathons gibt es nicht viel nachzudenken - ehrlich! Das Spiel in seinen frühen Etappen läuft mehr oder weniger von selbst und ist reine Formsache. Man kann sich das Weiterkommen erschweren oder erleichtern. Ziel sollte stets sein, die nächste Etappe zu erreichen. Man kann es sich schwer machen (zum Beispiel das Pokerturnier verlieren), oder alles daran setzen, die Hälfte zu überstehen. Dann geht es weiter und weiter...

Am Tag 1 eines großen Turniers sollte man sich nicht verrückt machen lassen - man kann es nicht am ersten Tag gewinnen! Aber, man kann es am ersten Tag schon verlieren. Genauso kann man es sich verbauen bei einem Marathon das Ziel zu erreichen, indem man nach dem Startschuss sofort los sprintet und seine Energien verhaut. Wichtig ist es statt dessen, immer nach vorne zu schauen und einen eigenen Rhythmus zu finden, um so die nächste Etappe sicher zu schaffen.


Leo_Margets_EPT8.jpg


Mentale UND physische Stärke entwickeln

Pokerevents und Marathon zehren an mentalen und körperlichen Attributen. Natürlich ist Poker kein Leistungssport, bei dem man sich verausgabt, aber ich bin mir sicher, dass jedem schon mal aufgefallen ist, wie sich die körperliche Verfassung auf die Mentalität und damit auf das Pokerspiel auswirken kann. Bei einem langen Tournament, wie nicht zuletzt beim Main Event der WSOP wirkt sich so etwas mit Garantie auf Ihre Platzierung aus!

Ähnlich ist es beim Marathon. Hier wissen Viele nicht, dass es nicht nur körperlicher Fitness, sondern auch einer gewissen mentalen Konstanz bedarf, um einen Marathon zu beenden. Meiner Ansicht nach gliedert sich die Anstrengung auf in 80% körperliche Fitness und 20% mentale Stärke.

Nicht "gegen die Wand" rennen

Eine weitere Gemeinsamkeit eines Marathons und des WSOP Main Events ist etwas, was wir als "die Wand" bezeichnen können. Viel zu oft rennen zu viele zu früh "gegen die Wand".

Im Marathon sprechen wir von der sogenannten "Wand" ab etwa Kilometer 30. Wenn man diesen Punkt schafft, und sich über die an den Kräften zehrenden Umstände hinweg setzt, dann ist die Chance sehr hoch, dass man den Marathon erfolgreich beendet. Genauso muss man in einem großen Event, zum Beispiel beim Main Event der WSOP stets alles daran geben, den Final Table zu erreichen und nicht vorher gegen die Wand zu laufen. Sitzt man dann am finalen Tisch, ist alles möglich.

Sich selbst gut kennenlernen

Einen Marathon zu bestreiten oder ein großes Pokerturnier zu spielen lehrt einen Einiges - vor allem über einen selbst! Beides funktioniert wie eine Therapie für den Geist, die unglaublich lehrreich sein kann. Es kann sehr emotional vonstattengehen, wobei ich sagen muss, dass mich Emotionen beim Poker eher negativ beeinflussen als bei einem Lauf.

Als ich mich unter die letzten 27 beim Main Event 2009 pokerte, war ich mir der Wichtigkeit dieses Erfolges noch gar nicht bewusst. Nachdem der Tag überstanden war und wir auf unsere Räume gingen (es war noch ein weiterer Tag zu spielen, von 27 runter auf 9) erschien es mir vorerst als nichts Besonderes. Als ich dann aber mit meiner Familie und meinen Freunden sprach, wurde mir bewusst, wie viel Geld ich schon gewonnen hatte und was alles noch auf dem Spiel stand. Von da an konnte ich mich nicht mehr von meinen Emotionen distanzieren.

Mittlerweile denke ich, dass es ein Fehler war, mit meinen Freunden zu sprechen, die mir sagten wie unglaublich großartig das alles war und von welcher Bedeutung eine solche Platzierung beim wichtigsten Pokerturnier der Welt gewesen sei. Am nächsten Tag war ich also nervöser als je zuvor, mein Stack sank und sank und schließlich wurde ich sehr früh als 27. eliminiert.

Immerhin - bis dahin hatte mein größter Gewinn circa 5.000 Dollar betragen, noch nicht einmal das Buy In für das Main Event. Es war überwältigend! Was für eine Lektion!

Spielen um zu gewinnen

Natürlich gratulierte mir - gefühlt - die ganze Welt. Aber noch mal, die Emotionen waren einfach zu stark! Ich wollte anfangen zu weinen, wirklich! Es schien mir, als wäre ich von einem Weg abgekommen, den ich unbedingt noch weiterrennen wollte.

Viele Menschen laufen einen Marathon, um ihn bis zum Ende zu schaffen. Davor habe ich großen Respekt. Genauso machen das viele Spieler bei der WSOP, sie wollen es einmal miterleben, erhoffen sich eine Erfahrung fürs Leben oder haken damit einen Punkt ab auf einer Liste der Dinge, die sie unbedingt mal gemacht haben wollen. Es geht also mehr um die Erfahrung, die Teilnahme an sich, als um den Sieg.

Bei mir sieht das allerdings anders aus - sowohl beim Marathonlaufen, als auch beim Poker. Ich bin eine Wettkämpferin und möchte mich stets verbessern. Mit anderen Worten: Ich will nicht bloß ins Ziel kommen!


leo_margets_poker_anywhere.jpg


Skill und Luck

Bis heute bin ich acht Marathons gelaufen. Bei meinem ersten Rennen schaffte ich die 42 Kilometer in 3 Stunden und 30 Minuten. In den sechs darauf folgenden Marathons konnte ich diese Zeit nicht unterbieten. Ähnlich sieht es bei meinem WSOP Werdegang aus. Scheinbar etabliere ich jedes erste Mal eine persönliche Bestmarke, die ich nicht wieder einholen kann.

Nach jedem Einzelnen dieser Läufe ging es mir ähnlich wie nach dem Main Event 2009, ich kam an und alle gratulierten mir. Mich selbst allerdings enttäuschte ich jedes Mal aufs Neue, da ich mein eigentliches Ziel, eine Verbesserung meiner Zeit, nicht erreicht hatte.

Natürlich - wie auch beim Poker - hatte das Glück ein Wörtchen mitzureden. Zum Beispiel war das Wetter bei einem Marathon gar nicht meins (es war sehr kalt), was sicherlich Auswirkungen auf meine Zeit hatte. Genau wie beim Poker die Bad Beats, gibt es also auch beim Marathon Faktoren, die nicht in meiner Hand liegen.

Das Rennen geht weiter

Dieses Jahr stand ich zum 8. Mal in den Startlöchern eines Marathons. Aber dieses Mal fühlte ich mich anders. Ich wusste, dass ich sehr gut trainiert hatte und, dass 90% der Arbeit schon getan waren. Ich war also zufrieden und wollte trotzdem unbedingt ein gutes Rennen laufen.

Und siehe da, ich schaffte es und unterbot meine persönliche Bestzeit!

Dies geschafft zu haben gibt mir Zuversicht, eines Tages auch im Main Event mein Ergebnis zu verbessern. Ich bin jetzt eine bessere Läuferin und eine bessere Pokerspielerin geworden. Ich glaube, dass die Erfahrungen der beiden Disziplinen - und das Wissen um deren Gemeinsamkeiten - mir helfen werden, weiter nach vorne zu kommen.

Aus dem Spanischen von Lukas Nitzsche

Archiv