Vanessa Selbst über mentale Stärke und Tiltmanagement

Women corner logo.jpgStets einen klaren Blick bewahren, über lange Strecken geduldig bleiben, bei Rückschlägen und Verlusten den Kampfgeist behalten oder wiederbeleben können - Turnierpoker, egal ob live oder online, erfordert über viele Stunden Wachsamkeit, Geduld und Entschlossenheit. Team PokerStars Pro Vanessa Selbst, die „Überfliegerin" der soeben zu Ende gegangenen 43rd World Series of Poker, schildert in einem sehr spannenden Post auf ihrer Homepage, welche Überlegungen, Erkenntnisse und Maßnahmen es ihr ermöglichten, über die gesamte Dauer der WSOP fast ausnahmslos auf hohem Level zu performen - und das, obwohl sie nach eigener Schätzung „schon immer empfänglicher für Tilt war als die anderen Pros die ich kenne".

Unzufriedenheit mit den eigenen Leistungen ist häufig der Motor für Veränderungen. Bei der WSOP 2011 war Vanessa „nur" ein einziges Mal ins Geld gekommen - ein enttäuschendes Ergebnis für eine Spielerin ihres Formats. Allerdings, darüber machte sie sich keine Illusionen, hätte es zu diesem Zeitpunkt kaum anders laufen können: Drei Jahre lang hatte sie sich auf ihr Jurastudium konzentriert und wenig gepokert. Ihr Wiedereinstieg ins Turniergeschehen entpuppte sich als eine holprige und im Endeffekt frustrierende Angelegenheit. Das, so nahm sie sich vor, würde ihr in diesem Jahr nicht passieren.

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So muss frau aufspielen ...


Fehler zeigen Schwachstellen auf

Korrekturmöglichkeiten entdeckte sie schon im Vorfeld der Series: Weil sie sich vor der WSOP 2011 nicht mit den Strukturen der einzelnen Turniere beschäftigt hatte, konnte sie sich nicht auf die oft nur kurze Leveldauer und die entsprechend schnellen Blinderhöhungen einstellen. Selten gelang es ihr, das Gefühl für den Spielrhythmus zu entwickeln. Daraus ergaben sich die typischen Fehler, die alle PokerspielerInnen kennen: Sie ließ gute Spots aus, weil sie auf bessere wartete, musste zusehen, wie ihr Chipstack schrumpfte und sich schließlich auf Coinflips ein- und das Ergebnis damit dem Zufall überlassen, „was ich nach Möglichkeit niemals tue". Unausweichliche Folge: Im nächsten Turnier neigte sie zur Überkompensierung, wollte es mit Gewalt besser machen, redete sich Spots gut, die gar keine waren, versuchte sich an armseligen Bluffs und machte viele schlechte und zu teure Calls. Das bedeutete natürlich hohe Verluste, die sie erst recht verunsicherten, zur Beißhemmung und damit in einen Teufelskreis führten, ein Zustand der sich auch nach der WSOP fortsetzte.

Als Profi wusste Vanessa, dass es Zeit war sich an die Hausaufgaben zu setzen. Sie ging in Frage kommende Hände durch und überprüfte ihre Moves. „Das half mir ein bisschen weiter, aber ich wusste, dass es in Wirklichkeit um etwas anderes ging". Das eigentliche Problem wurde immer dann sichtbar, wenn sie nicht auf ihre guten Instinkte achtete und wider besseres Wissen die falsche Entscheidung traf - auch das ein Zustand, den alle PokerspielerInnen kennen. In zwei großen Pots während der Premier League hatte sie sich beispielsweise vorgenommen, auf dem Turn beziehungsweise River zu folden, sollte sich die jeweilige Hand nicht verbessern. Und trotzdem callte sie bis zum Ende durch. Warum beging sie so kostspielige und dabei vermeidbare Fehler?

Wo die Logik aussetzt, kommt der Tilt ins Spiel

In Vanessas Fall führte er dazu, dass sie die investierten Chips partout nicht aufgeben wollte und so nicht verhindern konnte, dass ihre Gefühle sich verselbständigten und ihr Hirn austricksten. Diese Erkenntnis war „eine bittere Pille, denn es ist ja sehr viel schwieriger, durch Emotionen verursachte Defizite zu korrigieren als strategische". Für Tilt Control gibt es keine eindeutigen Rezepte, denn jeder Mensch tiltet auf individuelle Weise, aus nur ihm eigenen Gründen. Wer lernen will, dem Tilt geschuldete Fehler zu vermeiden, muss lernen, ihm keinen Nährboden zu bieten, und sich mit der eigenen Gefühlswelt vertraut machen.

Natürlich kann Routine viel zur Schadensbegrenzung beitragen, denn sie merzt Unsicherheiten aus und erlaubt es, sich ein dickes Fell anzutrainieren, so dass der Tilt weniger Lücken findet, durch die er seine Nebel ins Gehirn schicken kann. Auch lässt es sich besser mit Bad Beats und Suckouts umgehen, wenn man häufig spielt, denn dann stehen das nächste Spiel und die nächste Gelegenheit ja schon vor der Tür. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aber, so Vanessa, „hob der Tilt immer wieder sein hässlich' Haupt". Zeit, ihm die Stirn zu bieten.

Für Vanessa hieß dies zunächst, ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten, wann und in welchen Situationen sie am häufigsten auf Tilt kommt beziehungsweise ob sie es bereits ist. Wer seine inneren Stürme ins Auge fasst, kann schneller erkennen, dass jetzt Dummheiten in der Luft liegen, und entsprechend reagieren. „Ich glaube, das kann mir in Situationen helfen, in denen ich am Schwimmen bin und mein Herz mit meinem Kopf streitet." Dann fällt es auch leichter, wieder kluge Entscheidungen zu treffen - zum Beispiel die, verschüttetem Wein nicht hinterher zu jammern, sich nicht von Rückschlägen aus dem Konzept bringen zu lassen und mit klarem Kopf weiterzuspielen, selbst wenn man gerade katastrophal viele Chips verloren hat. Ungeduldige Pushs und zwanghafte Calls führen geradewegs an die Rails. Lieber die Scherben einsammeln und schauen, wie man wieder Oberwasser bekommt.

Vanessas Weg: Entschiedenheit und sorgfältige Planung

Detaillierte Vorbereitung erleichtert es, die mentale Stärke und Energie für eine anhaltend gute Performance zu entwickeln. Sie beschloss, „schon vor dem Spiel Format und Struktur eines Turniers genau in Augenschein zu nehmen. Dann lässt sich mittendrin besser beurteilen, wann Gambling und wann die Ausschau nach noch mehr Spots angesagt sind, und wann ich mich am besten zurückzulehnen und abwarten sollte."

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... dann klappt's auch mit dem Bracelet

Und schließlich war da die Sache mit ihrem A-Game. In der „Zone", dem gelobten Land aller PokerspielerInnen, wo alles optimal läuft und „die Karten im Grunde gar nicht wichtig sind", wo man „jede Gelegenheit wahrnimmt und jedes Mal das Richtige tut", können weder sie noch sonst jemand stundenlang konstant bleiben. „Unglücklicherweise spiele ich so nur während vielleicht zehn Prozent der gesamten Zeit. Es verlangt einen so hohen Level an Konzentration, dass es nicht über lange Strecken durchzuhalten ist. Also setzte ich mir für diesen Sommer das Ziel, für 80 bis 90 Prozent der Zeit im Modus B+ oder vielleicht A- zuspielen und den für A+ nötigen Fokus dann zu erreichen, wenn es wirklich wichtig ist, wenn das Turnier schon weit vorangeschritten ist."

Wie es ausging ist bekannt: Vanessa schaffte es bereits im ersten offenen Event der WSOP, einem $1.500 No Limit Hold'em, an den Final Table - und zwar nachdem sie im ersten Level beinahe ausgeschieden wäre: Nach einer teuren Hand, in der sie am Ende schweren Herzens gefoldet hatte, saß sie mit nur noch 1.300 von ursprünglich 4.500 Chips da. „Letztes Jahr hätte ich wahrscheinlich aufgegeben und wäre All-in gegangen, aber dieses Jahr sagte ich mir, dass ich bis zum bitteren Ende kämpfen würde." Am Ende wurden es der vierte Platz und mehr als $160.000. Es folgten vier weitere Cashes und das zweite WSOP-Bracelet ihrer Karriere - ausgerechnet im 10-Game, das wegen des ständigen Wechsels der Varianten durchweg hohe Konzentration und Flexibilität erfordert.

Zeit zum Bloggen hat Vanessa derzeit leider kaum. Gerade deshalb ist ihr ausführlicher Artikel "WSOP - Tilt-avoidance, determination, success!" ein echtes Must-Read. Auf www.vanessaselbstpoker.com gibt es aber noch einiges mehr zu entdecken, wie etwa Coaching-Tipps, Informationen über ihr soziales Engagement, persönliche Videos und viele viele Fotos.
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