Interview mit Sandra Naujoks

 

Gut drei Wochen ist es her, dass PokerStars.de ShootingStar Sandra Naujoks sensationell die European Poker Tour Dortmund gewann. Die 27-Jährige strafte mit diesem Erfolg sämtliche Kritiker Lügen, die Sandra nach ihrem Gewinn der Europameisterschaft 2008 als "Eintagsfliege" abgestempelt hatten. Letzte Woche hat uns die "Black Mamba" in unserem Hamburger Office besucht und wir haben die Gelegenheit zu einem ausführlichen Interview genutzt.

IntelliPoker: EPT-Gewinnerin in Dortmund - wie lange hat es gedauert, bis du dir über diesen sensationellen Erfolg voll und ganz im Klaren warst?

Sandra Naujoks: Das hat schon einige Tage gedauert, bis ich das verarbeitet hatte. Ich bin ja zunächst mal zu meinen Eltern geflüchtet, um den größten Rummel zu vermeiden und um abzuschalten. Mittlerweile habe ich den positiven Schock verdaut, das Pokerleben kann weitergehen.

IntelliPoker: Inwieweit hat der Riesengewinn dein Leben verändert?

Sandra Naujokas: Eigentlich nicht sehr. Ich bin bodenständig genug, um nicht abzuheben. Klar ist es beruhigend, finanziell abgesichert zu sein. Das lässt einen vielleicht ein bisschen befreiter aufspielen, aber man wird nach so einem Turniergewinn nicht gleich ein anderer Mensch.

IntelliPoker: Bleiben wir doch mal kurz bei deinen Eltern. Ich denke, viele Eltern hätten Schwierigkeiten, wenn die Tochter nach einem abgebrochenen Studium und einem Job als Grafikdesignerin plötzlich verkünden würde, sie wolle künftig als Pokerprofi unterwegs sein. Wie war das bei dir?

Sandra Naujoks: Meine Eltern haben bereits bei meinem Sieg in Baden beim Livestream mitgezittert, und so nun auch volle vier Tage beobachtet, wie ich mich in Dortmund durchgesetzt habe. Wir haben jeden Tag telefoniert, und sie haben die ganze Zeit über SMS gesendet, die ich in den Pausen gelesen habe. Meine Eltern waren nach den vier Tagen noch geschlauchter als ich. Sie sind meine größten Fans. Sie verfolgen mit Argusaugen alle Medienberichte über mich und sind richtig stolz.

IntelliPoker: Stimmt es, dass du deinem Vater ein Motorrad geschenkt hast?

Sandra Naujoks: Ja, wir hatten unmittelbar nach der EPT einen Termin bei einem Harley-Davidson-Händler und haben meinem Vater gleich das beste Pferd im Stall ausgesucht. Als wir den Laden verließen, hat er die Arme zum Himmel gestreckt und ist unter lautem Kriegsgeheul erstmal 300 Meter losgerannt - so sehr hat er sich gefreut.

Es ist ein tolles Gefühl, seinen Eltern etwas zurück geben zu können, und so einen Traum zu erfüllen. Ich mache dieses Frühjahr meinen Führerschein, dann werde ich öfters mit ihm cruisen.

IntelliPoker: Dir selbst hast du noch nichts gegönnt?

Sandra Naujoks: Ich habe jetzt erst mal meine Familie bedacht, meiner Mutter das Haus neu eingerichtet und meiner Oma eine neue Küche gekauft. Mit meiner Mama fahre ich im Winter auf die Malediven. Aber ich habe auch für meine eigene Zukunft durchaus Pläne. Zurzeit suche ich ein Haus in Las Vegas zum Kauf. Ich möchte gern für zwei bis drei Jahre dort leben. Allerdings nur mit Touristenvisum. Das heißt, ich werde ganz normal die europäischen Turnierserien spielen, aber eben auch WPTs und andere Turniere in den Staaten im Fokus behalten.

IntelliPoker: Jetzt hast du innerhalb von recht kurzer Zeit zwei große Turniere gewonnen. Gibt es denn da noch Luft nach oben? Wovon träumst du?

Sandra Naujoks: Man weiß im Poker nie, wo man etwa in zwei Jahren stehen wird. Ich bin ja erst 27 und eigentlich erst ein halbes Jahr richtig dabei, bei den großen Turnieren. Ich bin selbst gespannt, was die Zukunft bringen wird und ob da noch der ein oder andere Erfolg drin ist. Natürlich visiere ich ein Bracelet an. Ich habe eine Wette laufen, dass die ShootingStars in diesem Jahr mindestens zwei WSOP-Events gewinnen werden.

Das Team ist verdammt stark. Florian Langmann rundet das Team mit seiner starken Turnierperformance noch ab. Da ist Einiges drin.

IntelliPoker:  Ist es für dich eigentlich erstrebenswert, in das Team PokerStars Pro aufzurücken?

Sandra Naujoks: Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Im Team Pro sind lauter Spieler, die schon wesentlich mehr Erfahrung haben. Bei den ShootingStars fühle ich mich im Augenblick ausgesprochen wohl, das ist eine tolle Truppe mit viel Potenzial. Außerdem muss man erst mal sehen, wie ich mich in den nächsten ein, zwei Jahren pokertechnisch entwickle.


 

IntelliPoker: Nun geht's also zur WSOP. Bereitest du dich auf so einen Mega-Event besonders vor?

Sandra Naujoks: Ich arbeite immer an meinem Spiel, das Lernen hört auch nie auf. Ich Moment beschäftige ich mich mehr mit so einigen exotischen Varianten, da ich bei der WSOP viele Turniere spielen möchte und bis dahin meine Allrounder-Fähigkeiten ein bisschen trainieren möchte.

IntelliPoker: Nun gibt es ja nicht nur Fans, sondern auch harte Kritiker. In manchen Foren werden deine Erfolge als Glück und Zufall abgetan. Ärgert dich so etwas?

Sandra Naujoks: Überhaupt nicht. Ich weiß ja, was ich kann. Im ersten halben Jahr als Profi habe ich zwei Major Events gewinnen können und mehr als 1,5 Millionen Dollar verdient.

Das war für mich ein guter Start und Beweis, dass mehr dahinter steckt als nur Glück. Denen die mich dort beleidigen kann ich nur empfehlen, sich mal fünf Tage durch eine EPT zu spielen und dann auch noch über 660 Leute hinter sich zu lassen. Dann können sie gerne mit mir über Glück und Können diskutieren. Ich habe schon öfters von sehr guten Spielern gehört, dass sie von meinem Spiel begeistert sind. Das gibt mir einiges an Selbstsicherheit. Ich glaube an mein Spiel und wie es scheint, ist es erfolgreich. Das heisst aber nicht, dass ich fehlerfrei spiele. Ich arbeite ständig an meinem Spiel. Und auch in Dortmund habe ich zwei Hände grottig gespielt, und muss daraus lernen.

IntelliPoker: Was ist für dich eigentlich das Faszinierende am Beruf des Pokerprofis? Geht alles nur um die Kohle oder sind da vielleicht auch andere Dinge, wie Ruhm und Ehre, maßgebend?

Sandra Naujoks:  Ich habe natürlich angefangen professionell zu spielen, um davon leben zu können. Aber eben auch, um Poker spielen zu können. Ich wollte immer große Turniere spielen und war froh, als ich das Geld dafür hatte. Dabei ging es weniger um die ganz große Kohle, ich habe ganz einfach unglaublich viel Spaß an dem Job und liebe die Challenges. Es soll Spieler geben, die auf ihren Reisen allenfalls das Casino von innen sehen. Ich nehme mir auf den Pokerreisen immer ein paar Tage mehr Zeit - und ich genieße es wirklich, um die Welt zu düsen.

IntelliPoker: Wie haben denn deine Berliner Homegame-Freunde auf deinen Wahnsinnserfolg reagiert?

Sandra Naujoks: Oh, die freuen sich tierisch darüber. Viele haben ja noch gelacht, als ich ich ihnen vor rund einem Jahr gesagt habe, ich würde Pro werden. Das hat sich komplett geändert. Natürlich sehen sie aber auch, wie viel Arbeit hinter einem Dasein als erfolgreicher Profi steckt. Immerhin bin ich lange Zeit jeden Abend aus dem Haus gegangen und am frühen Morgen wieder heimgekommen, weil ich buchstäblich jeden Tag live gespielt habe und mich dabei auch noch mit der gesamten einschlägigen Literatur beschäftigt habe.

IntelliPoker: Gibt es ein Pokerbuch, das du besonders empfehlen würdest?

Ich habe zuletzt das neue Werk von Daniel Negreanu gelesen und bin total begeistert davon. Er schreibt stur nach seiner eigenen Nase und nimmt dabei auch keinerlei Rücksicht auf die vermeintlich großen Poker-Theoretiker. Keine Gnade für Harrington, Sklansky oder wen auch immer, manchmal schreibt Daniel das genaue Gegenteil dessen, was die angeblichen Koryphäen behaupten. Er verkörpert einfach eine sehr moderne Spielweise und ist sehr eigenständig. Der Erfolg gibt ihm sowieso recht.

IntelliPoker: Bei allem theoretischen Rüstzeug - wie viel Bauchgefühl ist bei deinem Spiel eigentlich dabei?

Sandra Naujoks: Ich glaube, dass man gerade im Turnierpoker jede Menge davon braucht. Es geht immer darum, sich mit der Psychologie der Gegner vertraut zu machen.Und wenn ich glaube King hoch reicht, weil mein Gegner nix hat, dann gibts eben den call. Wenn ich meine, aggressiv den Gang wechseln zu müssen, weil ich mit der Verunsicherung meiner Gegner und deren Angst rauszufliegen mehr gewinne als auf Asse zu warten, dann freut es mich, wenn diese Spielweise belohnt wird. Wenn man das Gefühl hat, ganz sicher gegen ein Overpair zu laufen, dann schiebt man im Zweifelsfall eben nicht seinen restlichen Stack in die Mitte. Ziel Nummer eins in Turnieren kann nur sein: Überleben, überleben, überleben. "Committed sein" gibt es nicht. Da schmeißt man dann unter Umständen den Taschenrechner aus seinem Kopf und vergisst die Pot Odds lieber.

IntelliPoker: Weiblich, ledig, erfolgreich - das hat dazu geführt, dass du plötzlich eine Art öffentliche Person bist, die auch für die Regenbogenpresse interessant ist. Wie gehst du damit um?

Sandra Naujoks:  Teils, teils. Manche Berichte, wie zum Beispiel der lieblos zusammengeschusterte in der BILD-Zeitung, gehen überhaupt nicht. Dafür hat das Ganze natürlich auch nette Seiten. So bin ich zum Beispiel zu einer Promi-Pokerrunde in Berlin eingeladen, die von vielen Medien aufmerksam verfolgt werden wird. Interviewer von TV, Hörfunk und Zeitungen geben sich zurzeit bei mir die Klinke in die Hand. Prinzipiell gilt: Ich bringe den Pokersport gern in die Öffentlichkeit, auch um das schiefe Bild, das viele vom Spiel haben, ein wenig geradezurücken. Die Leidenschaft, die ich für dieses Spiel habe, möchte ich gerne transportieren. Außerdem würde ich es gern sehen, wenn sich wesentlich mehr Frauen für Poker begeistern würden.

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