Wie Sie Ihre Online-Poker-Strategie an die Live-Tische anpassen

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Jeder, der als Online-Spieler angefangen hat, erinnert sich an das erste Mal am Live-Tisch in der Spielbank. Die Aufgeregtheit - der ungeschickte Umgang mit den Chips - das Bedürfnis, wie im Internet daran erinnert zu werden, wann man an der Reihe ist.

Zweifellos: In einer Spielbank Poker zu spielen ist eine völlig andere Erfahrung als online. Hat das Auswirkungen auf die Spielweise? Sollten Sie Ihre Strategie überhaupt anpassen?

Live und Online Poker sind im Grunde das gleiche Spiel

Die Poker-Regeln ändern sich nicht, egal, ob Sie online oder live spielen. Vorausgesetzt, Sie spielen die gleiche Poker-Variante. Die Rangfolge der Hände, die Gewinnwahrscheinlichkeiten und andere Grundsätze bleiben bestehen.

Wissen, das Sie sich online angeeignet haben, hilft Ihnen auch beim Live-Pokern weiter.

Wenn Sie allerdings regelmäßig an Online-Tischen und in Spielbanken Platz nehmen, gibt es hier und da sinnvolle strategische Anpassungen. Abhängig davon, wo Sie sich gerade aufhalten.

Physische Tells am Live-Tisch

Der größte Unterschied der beiden Spielarten ist, dass Sie beim Live-Pokern mit anderen Spielern physisch an einem Tisch sitzen. Online verstecken sich die Gegner hinter einem Bildschirm. Über die Persönlichkeit der Akteure ist nichts bekannt, allenfalls der Avatar oder der Spielername lassen Rückschlüsse zu.

Beim Live-Pokern können Sie die Stärke einer Bet mittels Körpersprache, Gesichtsausdrücken und dem Verhalten näher eingrenzen. Vielleicht spielen Sie gegen jemanden, der Chips bei einem Bluff-Versuch aggressiver in den Pot wirft. Oder Sie haben bemerkt, dass ein Gegner - während einer laufenden Runde - nur dann gesprächig ist, wenn seine Hand stark ist.

Klar: Tells sind nicht zu 100 % zuverlässig. Trotzdem nutzen erfahrene Spieler wie auch Anfänger physische Tells als Anhaltspunkt, wenn die Entscheidung zwischen Call und Fold knapp ausfällt. Bedenken Sie, dass Ihre Gegner ebenfalls nach Reads Ausschau halten. Versuchen Sie am River also nicht zu schwitzen, wenn Sie gerade am Bluffen sind. Oder schwitzen Sie einfach immer.

Beim Online-Pokern müssen Sie sich mehr auf Einsatzmuster und Timing-Tells verlassen, um Ihre Gegner einzuschätzen. Online stehen Ihnen mehr Informationen zur Verfügung als man anfänglich denkt, aber es besteht kein Zweifel daran, dass Tells am Live-Tisch mehr Gewicht haben. Falls Sie in den kommenden Monaten und Jahren vorwiegend Live-Poker spielen wollen, sollten Sie besser darin werden, über physische Reads auf die Stärke des Gegners zu schließen.

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Der Hauptunterschied: Beim Live-Pokern können Sie Ihre Gegenspieler sehen und hören

Spieltempo und Blind-Strukturen

Online-Poker ist grundsätzlich viel schneller als jede Live-Partie. Erwartungsgemäß bekommen Sie online in der gleichen Zeitspanne doppelt oder dreimal so viele Hände zu sehen. Damit ändert sich noch nicht die Poker-Strategie, wohl aber die Dynamik am Tisch.

Online-Spieler haben häufig das Gefühl, dass Live-Partien langsam ablaufen. Wenn Sie jedoch die Konzentration hochhalten, können Sie live auf mehr Details achtgeben. Was Ihnen wiederum mehr Möglichkeiten einräumt, die Gegner einzustufen und eine Edge zu entwickeln.

Beim Turnier-Pokern wirkt sich die unterschiedliche Blind-Struktur darauf aus, wie Sie das Turnier idealerweise angehen sollten. Online-Turniere sind nicht selten schneller als Live-Turniere. Ihre Strategie sollte ein aggressives Pre-Flop-Spiel in den Fokus nehmen. Bei Live-Poker-Turnieren haben Sie häufig mehr Chips zur Verfügung. So haben Sie selbst in späteren Turnierphasen noch Spielraum für das Spiel nach dem Flop.

Die Aussagen zu Turnieren treffen nicht auf alle Live- oder Online-Turniere zu. Machen Sie sich vorab mit der Blind-Struktur vertraut und überlegen Sie, wie Ihre Strategie davon beeinflusst wird.

Unterschiede bei den Spielertypen und im Spielablauf

Die folgenden Tipps beziehen sich auf die unterschiedlichen Spieltypen. Und darauf, wie das Spiel üblicherweise im Online- oder Live-Kosmos gespielt wird.

Achtung: Wir verallgemeinern hier. Beim Live-Poker wird der Fokus immer stärker auf physischen Tells liegen. Live-Tische sind aber nicht immer leichter zu schlagen. Sie bekommen es live nicht immer mit Gegnern zu tun, die pre-flop loose agieren.

Mittlerweile lassen sich nicht mehr ohne weiteres Grenzen zwischen live und online ziehen. In der Anfangszeit von Online-Poker haben die Spieler entweder im Internet oder live gespielt. Nun lassen sich die Top-Spieler aber sowohl bei Live- als auch bei Online-Events blicken. Auch Hobby-Spieler haben mit beidem Spaß. Je nachdem, was sich gerade anbietet.

Dennoch gibt es ein paar (halbe) Wahrheiten, die stichhaltig sind. Und zwar folgende:

Online-Poker-Spiele sind schwieriger zu schlagen

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Ausnahmslos starke Spieler an diesem Final Table der EPT Online

Online-Poker ist für Gelegenheitsspieler leichter zugänglich. Man sollte also annehmen, dass die Tische dort leichter zu spielen sind. Häufig ist das Gegenteil der Fall.

Die meisten „Online-Hobby-Spieler" haben zumindest die Poker-Grundlagen verinnerlicht. Nicht wenige lesen Bücher zum Thema Poker-Strategie oder schauen sich Videos und Streams an, um das Gelernte zu festigen. Online-Poker ist auch für Veteranen attraktiv. Online ist es leichter, das nötige Spielpensum zu erreichen, um den Lebensunterhalt mit Poker zu bestreiten.

Live-Poker-Spiele sind bekanntermaßen softer. Selbst regelmäßige Besucher des Casinos haben oft kein Interesse daran, die eigene Spielweise zu optimieren. Bei Live-Cashgames geht es meist softer und loose zu. Bei Live-Turnieren verhalten sich die Spieler dagegen eher tight. Wenn wir beides - online und live - miteinander vergleichen, haben Sie es an den Live-Tischen leichter als im Internet (wenn Sie die gleichen Stakes spielen).

Raise-Sizing vor dem Flop

Die Online-Poker-Gemeinde hat sich darauf geeinigt, pre-flop auf das 2- bis 3-fache des Big Blinds zu erhöhen. Wenn es wild kommt, auf das 4-fache. Warum das richtig ist, lässt sich mathematisch begründen, aber eigentlich braucht es keine Berechnungen. Fakt ist: Das Sizing ist groß genug, um Spieler mit Schrott-Händen zum Folden zu bringen, aber nicht so groß, dass die Spieler alles bis auf Premium-Blätter abwerfen.

Bei Live-Cashgames ist es dagegen nicht unüblich, dass die Spieler auf das 5- bis 7-fache erhöhen. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass viele andere den Call machen, um einen Blick auf den Flop zu werfen. Oft verbleiben mehrere Spieler in der Hand.

Online-Pokerspieler wundern sich, wie die aufgestellten Normen live mit Füßen getreten werden. Allerdings gibt es einige Möglichkeiten, wie Sie darauf sinnvoll reagieren können.

Zum einen können Sie mit Premium-Händen große Auszahlungen wahrscheinlicher machen, indem Sie die großen Raises callen oder vor dem Flop 3-betten (weil Sie einen Call erwarten). Spielen Sie mit Deep Stacks, können Sie die Pre-Flop-Range um suited connectors und kleine Paare erweitern, um nach dem Flop auf gute Gelegenheiten zu warten. Umgekehrt sollten Sie nicht davon ausgehen, häufig die Blinds stehlen zu können. Bereiten Sie sich zudem moralisch darauf vor, dass Ihr Raise sechs Caller nach sich zieht.

Bei Live-Turnieren geht es pre-flop nicht ganz so unberechenbar zu wie an den Cashgame-Tischen. Hier lassen manche Spieler nichts unversucht, um das kostbare „Turnierleben" zu schützen. Denn: Wenn man aus dem Turnier fliegt, ist man draußen und darf nicht weiterspielen. Diese Denke führt zu häufigen Limps und Limp-Calls. Im späteren Turnierverlauf agieren die Spieler tight und scheuen davor zurück, All-Ins zu callen. Schwächen wie diese lassen sich mit Ihrer Online-Poker-Strategie ohne Probleme ausnutzen.

Bet-Sizing live und online

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Hmm... wie viele rote Chips entsprechen nun einem Drittel Pot?

Online-Pokerspieler sinnieren gern über das eigene Bet-Sizing und die Sizings des Gegners. Beim Online-Pokern haben Sie die Stacks und den Betrag im Pot jederzeit im Blick, die Bets werden als Zahlen angezeigt. Schnell denken die Spieler beim Bet-Sizing in Prozenten. Sollte man hier besser ein Drittel oder Hälfte Pot setzen? Fragen wie diese stellen sich Online-Spieler - freitagabends im Casino werden Sie solche Überlegungen selten zu hören bekommen.

Die Befürchtung: Denkt man nicht ausreichend über das Sizing nach, könnte man zu wenig betten, wenn man eigentlich Angst hat - oder zu viel, wenn die eigene Hand stark ist. Denken die Gegner aber bloß darüber nach, ob „Call oder Fold" der richtige Spielzug ist - ohne das Sizing überhaupt ins Auge zu fassen -, haben Sie mehr Freiheiten bei Ihren Einsätzen.

In diesem Abschnitt haben wir uns am stärksten zu Verallgemeinerungen hinziehen lassen. Live- und Online-Poker-Spieler können natürlich in beide Richtungen tendieren. Es liegt an Ihnen, die Spieler an den Tischen zu lesen und zu ermitteln, welche Gedanken hinter dem Bet-Sizing stehen.

Fazit

Live- und Online-Poker sind das gleiche Spiel. Was sich unterscheidet, ist die Umgebung und die Geschwindigkeit sowie die Spielertypen. Es ist sinnvoll, Änderungen an der eigenen Strategie in Betracht zu ziehen.

Der Hauptunterschied ist, dass Sie Ihr Hand-Reading verbessern wollen, wenn Sie live Poker spielen. Machen Sie sich das gemächliche Tempo zunutze und beobachten Sie Ihre Gegner genau.

Obgleich wir (zugegebenermaßen) pauschalisiert haben: Sie werden Unterschiede bei den Spielern bemerken. Der Spielablauf vor und nach dem Flop ist live ein anderer als an den Online-Tischen. Studieren Sie den Spielstil Ihrer Kontrahenten, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Live-Poker erfordert kaum Anpassungen. Treten Sie online selbstbewusst auf, besteht die größte Herausforderung bei den ersten Besuchen eher darin, zu lernen, richtig mit den Karten und Chips umzugehen!

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