Free Solo: Die schwierigste Poker-Kletterpartie

Was der oscarprämierte Dokumentarfilm Pokerspielern über Visualisierung, eine ausufernde Vorbereitung und Angstbewältigung beibringen kann.


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Alex Honnold gelingt der erste Free Solo-Aufstieg des Freeriders El Capitan im Yosemite National Park in Kalifornien (National Geographic/Jimmy Chin)


Wie können Menschen unter extremen Druck Wahnsinns-Leistungen abrufen? Nachdem sich uns beim oscarprämierten Dokumentarfilm Free Solo der Magen umgedreht hat, haben wir mit Mindset-Coach Elliot Roe gesprochen, um herauszufinden, wie man in Drucksituationen das Bestmögliche aus sich herausholen kann. Wie sich herausstellt, spielt es keine Rolle, ob wir Felsen erklimmen oder Poker spielen wollen: Die Antworten fallen immer gleich aus.


Mehr als 600 Meter über dem Boden - allein, ohne Seil; nur die Luft könnte seinen Fall abfedern - muss sich Kletterer Alex Honnold dem „Boulderproblem" stellen.

Selbst für einen erfahrenen Free Solo-Kletterer wie Honnold ist der Aufstieg mit unbeschreiblichen Gefahren verbunden. Die winzigen Mulden im Granit, in denen Honnold mit seinen Füßen Halt finden könnte, sind leicht zu verfehlen. Und die kleinen Klüfte - weniger als einen halben Daumen breit - sind mit seinen Fingern kaum zu greifen. Zu guter Letzt wird ihm auch noch abverlangt, sich mittels eines Karate-Kicks (ja, richtig gelesen!) an die gegenüberliegende Wand zu befördern, um sich die von der Natur in den Felsen geschlagenen Spalten zunutze zu machen, die dem Laien gar nicht auffallen würden.

Ein Fehler, ein Ausrutscher, eine Sekunde nicht voll da sein, und Honnold würde in seinen Tod stürzen.

Falls Sie Free Solo - den 2019 mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm von Jimmy Chin und Elizabeth Chai - noch nicht gesehen haben, stellen Sie sich auf schwitzende Hände und atemberaubende Wow-Momente ein. Als Honnold ohne Seil oder Kletterausrüstung El Capitan zu erklimmen beginnt - einen mehr als 900 Meter aufragenden Felsen im kalifornischen Yosemite National Park -, erinnert das Geschehen eher an einen Horrorfilm. Man fiebert mit dem Helden der Geschichte mit, dass er überleben möge, denn der Zuschauer weiß, dass der Tod hinter jeder Ecke lauern kann. Oder hinter jeder Felsspalte, wie in diesem Fall.



Ungeachtet der schwerwiegenden Konsequenzen, die ein Fehler nach sich zieht, sorgt Honnold mit seiner Vorbereitung auf den Aufstieg dafür, dass man sich wohlfühlt. Die Gefahr ist immer da, aber wir vertrauen ihm. Wir sind uns sicher, dass er es schaffen wird, weil er fest davon ausgeht es zu schaffen. Der Film lässt uns hinter die Fassade schauen und zeigt uns, wie ein Mensch unter absurd hohem Druck Unglaubliches leisten kann. Es wird nicht nur enthüllt, wie der Aufstieg vonstatten geht, sondern auch warum.

„Alex Honnolds Free Solo-Aufstieg sollte als einer der athletischsten Leistungen aller Zeiten gefeiert werden", jubelt Daniel Duane in der New York Times. Es sollte kein Spoiler sein, zu verraten, dass er es an die Spitze geschafft hat. Dass er der erste Mensch ist, der El Capitan ohne die Zuhilfenahme eines Seils erklommen hat. Im Film geht es aber um mehr als nur um erstaunliches athletisches Können und Mut. Vielleicht am wichtigsten ist der Fokus auf die Vorbereitung.


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Alex Honnold erklettert den Freerider El Capitan im Yosemite National Park (Nation Geographic/Jimmy Chin)


DAS EXTREM WIRD ZUM NORMAL

„Wenn mein ultimativer Traum darin besteht, El Cap ohne Hilfsmittel zu erklettern, muss ich mir ein gutes Bild davon machen, was ich brauche", sagt Honnold in Free Solo. „Eine Vorstellung davon, welche Teile schwierig sind, wo sie liegen und welche Risiken sie in sich bergen."

Für Honnold besteht diese Vorstellung aus allen Kerben, die der Granit zu bieten hat. Den ganzen Tag beschäftigt er sich mit dem Aufbau des Felsens - genauso wie sich ein Formel-1-Fahrer alle Kurven anschaut, die eine Strecke zu bieten hat. Am Tag des Aufstiegs wird sich der Felsen schließlich nicht verändert haben.

Wie können Pokerspieler sich ähnlich gut vorbereiten, bevor sie zu spielen anfangen? Schließlich handelt es sich um ein Spiel mit begrenzten Informationen. Es gibt keine feste Route, die sich abfahren lässt, weil man nie weiß, gegen wen man spielen wird, bevor es so weit ist. Es ist ein Problem, das uns oft fragend zurückgelassen hat, wenn wir die besten Pokerspieler auf den großen Bühnen beobachtet haben. Daher haben wir uns für einen Blick hinter den Vorhang an den derzeit besten Poker-Mindset-Coach gewandt.

Elliot Roe ist seit fast einem Jahrzehnt der beste Ansprechpartner, was Mental-Coaching in Pokerfragen anbelangt. In dieser Zeit hat er hunderten Spielern geholfen, die allesamt verschiedene Stationen ihrer Karriere erreicht hatten - vom aufstrebenden Grinder bis zu den besten Turnier- und Cashgame-Spielern der Welt. Ziel war es, ihnen bei der Bewältigung mentaler Blockaden zu helfen, sodass sie bestmögliche Leistungen erzielen konnten. Wenn er auch mit anderen Sportlern, etwa Golfern oder UFC-Kämpfern, arbeitet, stammen die meisten seiner Klienten doch aus dem Pokerumfeld.


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Poker-Mindset-Coach Elliot Roe (rechts) mit seinem Klient Fedor Holz


„Es sind Solo-Unternehmungen. Sie müssen unter Druck Leistung bringen, Selbstsabotage ist ein großes Problem", erzählt mir Roe, als er auf die Ähnlichkeiten zwischen Pokerspielern und anderen Sportlern zu sprechen kommt. „[Das richtige Mindset] ist, das tun zu können, von dem man weiß, dass man es tun sollte."

Wenn sich Spieler an Roe wenden - entweder über seine eigene Website oder über die erfolgreiche, von Fedor Holz entwickelte App Primed Mind -, haben diese in der Regel ein offensichtliches Problem, das sich auf ihr Pokerspiel auswirkt. („Es ist selten, dass sich Leute an mich wenden, wenn sie geglaubt haben, keine Probleme zu haben", stellt Roe fest.) In der Zusammenarbeit werden aber oft weitere Probleme ans Tageslicht gefördert, die dem Spieler nicht bewusst waren.

„Angst kommt häufig vor, Selbstsabotage auch, Probleme mit der Konzentration, mangelnde Professionalität, und es gibt sogar Angst vor Erfolg", bemerkt Roe. „Es gibt alle möglichen Dinge, die sich manifestieren können. Jeder Mensch ist anders, aber alle sind gleich, wenn Sie wissen, was ich meine. Normalerweise kommt ein Spieler mit einer Art Selbstsabotage zu mir, und diese Selbstsabotage ist bei unterschiedlichen Personen auf unterschiedliche Weise erkennbar."

Was Honnolds Versuch, den El Capitan im Free Solo zu erklimmen, betrifft, stellen sich nicht wenige die Frage: Was um alles in der Welt hat er sich dabei gedacht? Einen 900-Meter-Felsen ohne Sicherheitsmaßnahmen erklettern zu wollen, schreit doch geradezu nach Selbstsabotage. Die Konsequenz des Scheiterns ist der Tod, was viel extremer ist als beim Pokern Geld zu verlieren.

Auf die meisten Menschen würde das zutreffen. Doch obwohl Honnolds Vorhaben in Free Solo extrem gefährlich ist, entspricht sein Handeln nicht einer Selbstsabotage.

Selbstsabotage wäre es gewesen, wenn er sich nicht ausreichend vorbereitet, Zweifel an seinem geistigen Zustand oder seiner körperlichen Verfassung angemeldet oder sich nicht hätte vorstellen können, nach dem erfolgreichen Aufstieg vom Felsen aus in den Abgrund zu blicken. Honnold hat mehr als 20 Jahre Erfahrung als Kletterer. Wie andere professionelle Athleten hat er sein Leben dem Klettern gewidmet. Roe versucht Pokerspielern das gleiche Mindset angedeihen zu lassen.


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Für einen Free Solo-Kletterer kann die Kraft in den Fingern den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Vor seinem Aufstieg hat Honnold in seinem Van, der ihm seit Jahren als Zuhause und mobiler Stützpunkt dient, jeden Tag 90 Minuten lang „Hangboarding" betrieben (Jimmy Chin)


„Als ich vor acht oder neun Jahren angefangen habe, gab es viele sehr unprofessionelle Pokerspieler", erklärt er. „Sie haben während des Spielens Alkohol getrunken, geraucht, sie haben ihren Körper vernachlässigt, zu wenig geschlafen, und jede Woche höchstens ein paar Stunden aufgewendet, um ihr Spiel zu verbessern."

„Wenn ich einem Pokerspieler ein professionelles Mindset verleihen will, geht es im Kern darum, die Woche zu strukturieren und zu der Erkenntnis zu gelangen, dass das eigene Fitness-Level zehn Stunden nach Beginn einer Session von Bedeutung ist. Es gibt eine Studiendauer, die angebracht ist; sieben Stunden die Woche sollten für einen professionellen Spieler das Minimum sein. Es geht darum, sich selbst als professionellen Athleten zu sehen, der gegen andere um tausende, hunderttausende oder sogar Millionen Dollar spielt, statt Poker als etwas zu betrachten, das nicht als so wichtig zu erachten ist."

Auch wenn sich das Grinden am Tisch für manche wie Arbeit anfühlen mag, sollte die Arbeit längst begonnen haben, noch bevor sich der Spieler hingesetzt hat. Wie Roe erklärt, müssen Spieler sich vorstellen können, dass sie Erfolg haben werden. Und sie müssen sich wie Honnold mental auf alle Situationen vorbereiten, zu denen es kommen kann.

„Mit vielen Klienten arbeite ich an der Visualisierung, sodass sie das Gefühl haben, bereits in jeder Situation gewesen zu sein. Wir stellen uns vor: ‚Wie wird es sich anfühlen, am Final Table einen Bad Beat zu erleben? Wie erhole ich mich davon, 75 Prozent meines Stacks verloren zu haben? Wie gehe ich damit um, seit zwei Stunden Heads-Up zu spielen?' Indem man diese Situationen gedanklich durchspielt, werden sie unterbewusst zur Normalität. Diese Technik wird in allen Sportarten eingesetzt und ist dazu gedacht, Leistungen abrufbar zu machen. Für den Verstand ist die Situation dann infolge der Visualisierung etwas weniger Neues."

Einen Monat nach seinem El Capitan-Aufstieg (lange vor Erscheinen des Films) hat Honnold in der US-Talkshow Jimmy Kimmel ein Interview gegeben und offen über das Thema Visualisierung gesprochen.

„Haben Sie Angst, wenn Sie 900 Meter hoch an einer Wand hängen?", wollte Kimmel wissen. „Nun, wahrscheinlich schon, wenn ich mich nicht darauf vorbereitet hätte", antwortete Honnold. „Den El Capitan zu erklimmen, war etwas, wovon ich jahrelang geträumt hatte, und ich habe mich vermutlich ein Jahr lang vorbereitet. Der größte Teil der Vorbereitung ist für mich die Visualisierung, die psychologische Seite. Sich vorzustellen, dass es möglich ist."

„Ein anderer großer Teil der Vorbereitung ist, Zeit darauf zu verwenden, die Route einzustudieren, sich den Bewegungsablauf zu merken, sicherzustellen, dass die Bedingungen gut sind. Es sieht so aus, als ob ich nur klettern würde, aber jede Bewegung meiner Hände und Füße ist durchdacht, sehr kontrolliert, sehr präzise. Ich folge einer Routine."

Honnold empfindet nicht den gleichen Druck wie Sie oder ich, wenn wir an einer Felsspalte hängen würden, weil er viele Male in der Situation war. Für ihn ist es normal in dieser Situation zu stecken. Genauso wie es für viele von Roes Klienten - zu denen Holz, Matt Berkey, Brian Rast, Christopher Kruk und Jonathan Little gehören - normal ist einen bestimmten Poker-Move durchzuführen. Zum Beispiel ein 3-Barrel-Bluff vor einem großen Preisgeld-Sprung, weil sie wissen, dass es der richtige Spielzug ist.


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High-Stakes-Cashgame- und Turnier-Spieler Matt Berkey lässt sich ebenfalls von Roe beraten


„Es ist genau der gleiche Prozess: Die Worst-Case-Szenarien zu visualisieren und sich vorzustellen, was schlimmstenfalls passieren kann; den emotionalen Aspekt zu entfernen, sodass alles normal wird", sagt Roe. „Für mich wäre es eine intensive Erfahrung zum ersten Mal Fallschirmspringen zu gehen. Für jemanden, der anderen das Fallschirmspringen beibringt, ist das Springen aus dem Flugzeug keine große Sache. Für diese Person ist es normal, Alltag. Idealerweise soll ein Mindset erlangt werden, für das das Abrufen von Bestleistungen nichts Neues ist; es ist einfach die Leistung, die man immer bringt."


GEGEN DIE ANGST

Im Film gibt es eine Szene, in der sich Honnold einem MRT-Scan unterzieht. „Es gab viel Spekulation, wie ich wohl mit Angst umgehe und warum ich in der Lage bin Free Solo-Aufstiege zu machen", erzählt er der Kamera. „Die Leute denken: ‚Oh, er muss ein Adrenalin-Junkie sein; oder im Gehirn muss ein Defekt vorliegen."

Nach einer Reihe Tests setzt der Arzt Honnold darüber in Kenntnis, dass in seiner Amygdala, dem Angstzentrum des Gehirns, kaum Aktivität zu beobachten ist. Er erklärt: „Dinge, die die meisten von uns reizen würden, haben auf Sie wenig Auswirkung."

Honnolds Reaktion auf das Testergebnis ist kaum überraschend für einen Mann, der sein Leben damit zugebracht hat selbiges aufs Spiel zu setzen; der etwas tut, weil er Gefallen daran gefunden hat; nicht um berühmt zu werden, sondern um es einfach zu machen: „Vielleicht ist meine Amygdala mit den Jahren einfach müde geworden?"

Wir können davon ausgehen, dass es tausende Pokerspieler gibt, die eine so müde Amygdala wie Honnold sie hat gerne ihr Eigen nennen würden. Allem voran für Situationen, in denen das Herz rast und der Kopf verrückt spielt, weil man während einer Hand von Stephen Chidwick - oder einem anderen Spieler seines Kalibers - angestarrt wird.

Roe hat herausgefunden, dass der einzige Weg, um sich am Pokertisch wohlzufühlen, darin besteht, seine mentalen Hausaufgaben zu machen.

„Als erstes sollte man sich bewusst machen, welche Trigger einen aus dem Konzept bringen und sie hinter sich lassen", erklärt er. „Wenn Sie also jemand sein sollten, der Probleme damit hat vom gleichen Spieler am Tisch wiederholt eine 3-Bet zu kassieren, sollten Sie ergründen, warum das ein Trigger für Sie ist und sich davon lösen. Wenn Sie jemand sind, der Druck verspürt, wenn das Preisgeld ansteigt, oder angesichts des nahenden Final Tables keine richtigen Entscheidungen mehr treffen kann, sollten Sie herausfinden, warum das ein Problem ist. Wie können Sie den Druck mindern? Vielfach hilft es, tiefer in die Therapie abzutauchen, um zu verstehen, warum das irrationale Verhalten auftritt, und durch Erinnerungen festzustellen, welche Situation den Trigger hervorgerufen hat."

Wenn Honnold während der Erkletterung des El Capitans Zeichen von Angst gezeigt hätte, wäre uns allen klar gewesen, dass er es nie hätte versuchen sollen. Niemand zwingt ihn zum Free Solo, und ihm ist auch bewusst, dass viele andere Free Solo-Kletterer ums Leben gekommen sind (er spricht offen über Tode seiner Freunde und Kollegen). Er weiß sogar, dass Platz für andere Gedanken beim Free Solo praktisch nicht vorhanden ist. Wie kann er also Angst vermeiden?

„Free Solo hat eine mentale Komponente", sagt Honnold im Film. „Die große Herausforderung besteht glaube ich darin seinen Verstand zu kontrollieren. Wenn man seine Angst nicht kontrollieren kann, versucht man ihr bloß aus dem Weg zu gehen. Ich versuche meine Komfortzone auszudehnen, indem ich die Bewegungen immer wieder trainiere. Ich arbeite mit der Angst, bis sie nicht mehr unheimlich ist."


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An Seilen befestigt trainiert Honnold eine Sektion des Freeriders, einen Teil der Route, die er beim Free Solo-Aufstieg des El Capitans verfolgen wird. Freerider verlangen dem Körper des Kletterers alles ab - von den Fingern bis zu den Zehen -, und die geistige und körperliche Ausdauer spielen eine entscheidende Rolle (Jimmy Chin)


Dasselbe versucht Roe mit seinen Poker-Klienten.

„Selbstbewusstsein ist da, wenn man seine Hausaufgaben gemacht und alles durchgegangen ist", sagt er. „Die größten Ängste entstehen, wenn man sich unsicher ist und raten muss. Aber wenn man genau weiß, was man in einer Situation zu tun hat, ist der emotionale Druck nicht so groß. Das ist es, was Alex im Film beschreibt. Das Maß an Vorbereitung hat dramatische Auswirkungen auf die emotionale Energie, die für die Umsetzung eines Vorhabens gebraucht wird."

Wo wir gerade von emotionaler Energie sprechen: Was ist mit Downswings und den Ängsten, die dadurch ausgelöst werden? Roe hat eine interessante Einstellung zu dem Thema. Er glaubt, dass man sich nie in einem Downswing befindet oder eine Pechsträhne hat, da mit den Begriffen nur beschrieben werden kann, was in der Vergangenheit liegt.

„Pokerspieler sagen: ‚Ich bin in einem Downswing.' Nein. In zurückliegenden Sessions haben Sie verloren, aber jetzt findet ein neues Pokerspiel statt, und Sie können gewinnen oder verlieren. Die Resultate hängen in keiner Weise zusammen. Es gibt keinen Monat oder ein Jahr, in dem es nicht läuft; entscheidend ist, wie Sie heute mit den Karten spielen, die Ihnen heute ausgeteilt werden."

Mit Sicherheit ist es schwierig so zu denken, wenn alles zum x-ten Male gegen einen zu laufen scheint. Wie hilft Roe Spielern dem Dilemma zu entfliehen?

„Mit einem professionellen Athleten zusammenzuarbeiten, sei es ein Kämpfer, ein Rugby-Spieler oder ein Olympia-Teilnehmer, ist immer dasselbe", sagt Roe. „Es geht darum, das Selbstbewusstsein des Betreffenden wieder aufzubauen, indem man versteht was passiert ist, das Denken neu ausrichtet und den Sportler wieder auf den Leistungsstand bringt, den er vorher hatte."

„Im Falle eines Downswings fangen die Spieler häufig an anders zu spielen, ohne die Umstellung überhaupt zu merken. Sie haben kein Vertrauen mehr in ihre Strategie; sie werden versuchen die Varianz zu reduzieren; und oft reduzieren sie die Varianz so stark, dass es sich auf die Profitabilität auswirkt. Sie spielen also nicht länger das Spiel, das sie vorher gespielt haben, und das lässt den Downswing länger andauern. In der Regel fängt es mit Pech an und geht mit schlechtem Spiel weiter."

„Wir versuchen, die Spieler zurück zu dem Mindset zu führen, das sie vor dem Downswing hatten. Ob man Geld gewinnt oder verliert ist irrelevant, nur das Bankroll-Management ist von Bedeutung."


LAMPENFIEBER - ZUSÄTZLCHER DRUCK

Mit der Erfindung der sichtbaren Hole Cards beim Pokern im Fernsehen ist das Programm für Zuschauer unterhaltsamer geworden. Wissensdurstige konnten etwas lernen, Fans konnten Poker-Idole für sich entdecken. Aber niemand würde bestreiten, dass die Spieler am TV-Tisch mit neuen Drucksituationen konfrontiert waren.

„Normalerweise sieht niemand die Hände, die gefoldet werden", sagt Roe. „Sobald man an einem TV-Tisch mit Hole Cards sitzt, zeigt man gezwungenermaßen allen wie man spielt."

Roe hat mir sogar verraten, dass er Klienten hat, die sich mit Absicht aus Turnieren haben werfen lassen, nachdem sie festgestellt haben, dass sie bald an einem TV-Tisch spielen müssten.

„Dieses Problem kommt normalerweise bei Spielern auf, die $1.000-Buy-ins spielen und plötzlich in ein Main Event springen. Sie haben Angst, dass ihre Spielweise von professionellen Spielern in den Foren beurteilt oder von den Kommentatoren kritisiert wird. Die Unsicherheit bewertet zu werden schwingt mit. Professionelle Spieler waren so oft in diesen Situationen, dass es für sie weniger relevant ist. Selbst für einen Profi ist es kein Alltag, im Fernsehen gesehen zu werden. Wirklich normal ist es nur für die Spieler auf den höchsten Stakes."


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Jimmy Chin 600 Meter über dem Erdboden beim Versuch, die Enduro-Ecke des El Capitan-Freeriders zu fotografieren (National Geographic/Cheyne Lempe)


Man könnte behaupten, dass Honnold der bekannteste „High-Stakes-Spieler" in der Geschichte des Free Solos ist. Auch er war es nicht gewohnt von einem Kamerateam begleitet zu werden, das ihm auf Schritt und Griff folgt. Dieser Umstand wird im Film von beiden Seiten mehrmals angesprochen. Regisseur Jimmy Chin beschreibt den Schmerz, seinen Freund möglicherweise dabei zu filmen, wie er „aus dem Frame in seinen Tod stürzt". Honnold fragt sich mehrere Male, ob ihn die Tatsache von einem Team begleitet zu werden beeinflussen wird.

„Die Vorstellung herunterzufallen ist in Ordnung, wenn ich alleine bin", gibt Honnold im Film zu. „Ich würde aber nicht vor meinen Freunden stürzen wollen." Auch wenn uns wohl bewusst ist, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, vor seinen Freunden zu sterben oder eine Pokerhand schlecht zu spielen, gibt es trotzdem eine Gemeinsamkeit.

In einer Unterhaltung mit Peter Croft, einem erfahrenen Kletterer und Free Solo-Experten, sprechen die beiden über die Auswirkungen, die das Film-Team haben könnte. „Das Schrecklichste an einem Filmteam ist, dass es das Mindset verändert", erfährt Honnold von Croft. Als Chin Honnold aber fragt, ob er die Arbeiten am Dokumentarfilm stoppen will, entgegnet Honnold: „Nein. Es ist schwierig zu sagen, aber mir liegt viel mehr daran es zu tun, als es für mich von Bedeutung ist dabei gefilmt zu werden. Mir ist klar, dass ich - wenn ich es wollte - einfach niemandem Bescheid sagen und es nach meinen Bedingungen tun könnte."


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Clair Popkin, Kameramann des Dokumentarfilms Free Solo, dreht eine Szene, in der Alex Honnold sein Abendessen nach einem Trainingstag an einem Herd oben auf dem El Cap zubereitet (National Geographic/Samuel Crossley)


Es allein zu tun ist Freiheit. Es vor anderen Menschen zu tun, noch dazu vor laufenden Kameras, kann ein motivierender Faktor sein.

„All diese Leute um mich herum zu haben, erfordert ein höheres Maß an Vorbereitung und mehr Selbstbewusstsein", weiß Honnold. „Ich muss mich so in den Griff kriegen, dass es mich nicht kümmert, ob mir ein Stadion voller Menschen zuschaut, weil es so einfach für mich geworden ist, dass ich sagen kann: ‚Seht her!' Und es einfach tun kann."

Denken Sie darüber nach, wenn Sie das nächste Mal einen Super High Roller-Stream verfolgen.


DAS NACHSPIEL

Sobald man den Felsen erklommen oder eine Poker-Session absolviert hat, muss man in die reale Welt zurückkehren. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Auch wenn Honnold den größten Teil des Jahres damit beschäftigt war Werbung für Free Solo zu machen, können wir davon ausgehen, dass er hier und da ein paar Klettereinlagen hingelegt hat. Das Verlangen nach Free Climbing (mit Seil) und Free Solo (ohne Seil) ist wahrscheinlich nichts, was sich einfach abschalten lässt.


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Clair Popkin fängt Alex Honnold ein, als er die Spitze von El Capitan erreicht, nachdem er den Free Solo-Aufstieg des Freeriders gewagt hatte (National Geographic/Jimmy Chin)


Poker ist da nicht anders. Im Gegensatz zu Kletterpartien steht die einzelne Session aber nicht im Vordergrund. Sich am Ende des Tages Zeit zu nehmen und auf die Session zurückzublicken ist wichtig, aber beim Pokern besteht das Ziel - wie Roe anmerkt - darin, langfristig zu überleben.

„Ich empfehle, nach der Session zu meditieren", sagt er. „Es hilft Spielern die Sessions hinter sich zu lassen und weder schlechte noch übermäßig begeisterte Gefühle in die reale Welt zu übertragen. Die Idee ist, sich mental auf eine Session vorzubereiten, emotional bereit zu sein, das Bestmögliche aus sich herauszuholen. Danach beschäftigt man sich mit der Session, akzeptiert, dass es ein langfristiges Spiel ist, und sagt sich von der Session los, um wieder ins normale Leben zurückkehren zu können."

Falls es schlecht gelaufen ist, Sie am nächsten Tag aber weitermachen wollen, spricht nichts dagegen. Falls die Session hervorragend verlaufen ist und Sie sich eine Auszeit nehmen wollen, geht auch das. Wenn Sie selbstbewusst sagen können, dass Sie abseits der Tische alles Nötige getan haben, können Sie sich Ihre Zeit nach Belieben einteilen. Auch Honnold hört auf eine Stimme im Inneren, die ihm Bescheid gibt, wann die Zeit zum Klettern gekommen ist.

„Es muss immer etwas geben, das einem Selbstbewusstsein einflößt und einen dazu bringt eine Route als Free Solo zu versuchen", erzählt er der Kamera. „Manchmal ist man selbstbewusst, weil man sich besonders fit fühlt. Manchmal entsteht das Selbstbewusstsein durch die Vorbereitung und Probedurchgänge. Aber es gibt immer etwas, das einem das Gefühl gibt bereit zu sein."

Falls Sie Free Solo noch nicht gesehen haben, sollten Sie den Film unbedingt nachholen. Wenn Sie schon immer einen Blick auf das Leben eines Mannes werfen wollten, der sich einer Sache vollends verpflichtet hat, können Sie diesen Blick hier erhaschen. Honnold, der während des Films in einem kleinen Van gewohnt hat, um das Reisen einfacher zu gestalten, ist inzwischen zu einer Ikone geworden. Als Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi vor ein paar Wochen den Academy Award entgegengenommen hat, sagte sie zu Honnold: „Danke, Alex, dafür, dass du uns Mut gemacht hast; dass du uns beigebracht hast, an das Unmögliche zu glauben; dass du uns inspiriert hast."

Auch wenn wohl kein Pokerspieler einen ähnlichen Höhenflug erleben wird, glaubt Roe, dass Free Solo und Poker sich an vielen Punkten überschneiden. „All diese Dinge sind gleich", sagt er. „Wenn man seine Fehler ausmerzen will, muss man einfach sehr gut vorbereitet sein, und genau das beschreibt Alex in seinem Film."

„Die ständige Visualisierung, das ständige Studium, das Vorbereiten auf alle Verrücktheiten, zu denen es am Pokertisch kommen kann. Das verhilft Ihnen dazu, die Rechenpuzzle wieder und wieder zu lösen. Und Poker ist genau das: Ein Rechenpuzzle nach dem anderen."

Wie das Erklimmen der höchsten Gipfel ist High-Stakes-Poker eine Suche nach Perfektion. In diesem Sinne wollen wir Honnold das letzte Wort lassen:

„Wenn man auf Perfektion aus ist, kommt man ihr mit Free Solo am nächsten. Und einen kurzen Moment lang fühlt es sich gut an, perfekt zu sein."


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Honnold steht mit seiner ganzen Kletterausrüstung - ein Paar Schuhe und ein bisschen Kreide - auf der Spitze des El Capitans, vier Stunden nach seinem Aufstieg. „Unten war ich etwas nervös", gesteht er. „Die Wand vor einem ist schließlich verdammt hoch." Was können wir als nächstes erwarten? „Ich will immer noch harte Brocken erklettern. Irgendwann. Man hört nicht einfach auf damit, wenn man wieder unten ist." (Jimmy Chin)


Falls Sie an Elliot Roes Diensten interessiert sind, besuchen Sie seine Website: www.pokermindcoach.com.

Alternativ können Sie auch die App, die er zusammen mit Fedor Holz entwickelt hat, ausprobieren: www.primedmind.com.



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