Die versteckte Wahrheit: Was heißt es, ein „Pokerface" zu haben?

„Pokerface" ist ein gutes Beispiel für einen Poker-Ausdruck, der in den normalen Sprachgebrauch übergegangen ist. So ziemlich jeder - egal, ob er Poker spielt oder nicht - weiß, dass sich hinter dem Pokerface ein teilnahmsloser Gesichtsausdruck verbirgt, der versucht, alle Emotionen verborgen zu halten.

Allerdings habe ich mich gefragt, ob der Begriff selbst auch etwas „verstecken" könnte.

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Patrik Antonius beim Versuch, keine Stärke zu zeigen. Oder Schwäche. Oder irgendetwas.

Vor einigen Jahren gab es eine beliebte Teenie-Serie mit dem Namen „Pretty Little Liars". Bei der Serie handelt es sich in erster Linie um eine Mordgeschichte, im Mittelpunkt stand eine Gruppe Highschool-Mädchen, die sich Bestseller-Autorin Sara Shepard ursprünglich für eine Romanreihe ausgedacht hatte. Die Serie konnte sich bereits über ein Spinoff freuen, das nächste läuft bereits - „Pretty Little Liars: The Perfectionists" -, die Pilot-Folge war Ende März im US-Fernsehen zu sehen.

Emily Tannenbaum sah dem Start der neuen Serie in einem Cosmopolitan-Artikel freudig entgegen. Sie hatte vor allem am Opener zur ersten Folge Gefallen gefunden, der als eine Art Teaser veröffentlicht wurde, um Fans auf das neue Setting einzustellen:

Sie werden den Song zweifellos erkennen, natürlich handelt es sich um Lady Gagas internationalen Chart-Stürmer „Poker Face". Im Teaser wird er auf einem Cello gespielt. „Der Song ist perfekt für eine Serie geeignet, in der es darum geht, Geheimnisse für sich zu behalten, und die noch dazu das Wort ‚Lügner' im Titel trägt", beobachtet Tannenbaum. In jedem Fall fängt der Song die Stimmung ein.

Aber warten sie mal. Ist das die Bedeutung für ein „Pokerface"? Ein Lügner zu sein? Oder bedeutet es lediglich, etwas zu verstecken? Oder ein Geheimnis nicht zu verraten?

Werfen wir einen Blick unter die Oberfläche und lassen Sie uns der Wahrheit auf die Spur kommen.

Wollen Sie gut werden? Arbeiten Sie am Pokerface

In seinem 1875 erschienen Buch „Round Games at Cards" beschreibt der britische Autor Henry Jones" verschiedene Pokerspiele und erklärt in diesem Zusammenhang wichtige Begriffe. In der Rubrik „Hinweise" gibt Jones Tipps für eine grundlegende Strategie, unter anderem sei es von Vorteil, „im Besitz eines guten Pokerfaces" zu sein.

Jones erklärt daraufhin, was er mit dem Ausdruck meint: „Niemand, der den Anspruch hat gut zu spielen, wird den Wert seiner Hand mit Gestiken, einer Änderung der Mimik oder anderen Anzeichen preisgeben." Wollen Sie erfolgreich Poker spielen? Dann halten Sie Ihr Gesicht davon ab, etwas über Ihre Hand zu verraten, da „ein erfahrener Spieler den Gesichtsausdruck bewerten" und so auf Ihre Hand schließen kann.

Seitdem sich die Leute mit Poker-Strategie beschäftigen ist klar, dass es sinnvoll ist, Informationen vor den Gegnern zu verstecken. Und es gab sogar einen „einfachen" Weg, das zu tun: Eignen Sie sich ein gutes Pokerface an!

Pokerfaces abseits der Tische

Der Ausdruck ist schnell zum geflügelten Wort geworden, um im Alltag leere Gesichtsausdrücke und ausdruckslose Antworten mit einem Begriff beschreiben zu können.

In den 1920er und 30er Jahren war Helen Wills die Serena Williams ihrer Zeit. Im Einzel gewann sie 19 Grand Slam-Titel, acht davon in Wimbledon. Sie hatte einen coolen, unaufgeregten Spielstil und erweckte den Anschein, ihre Gegner und die Zuschauer ausblenden zu können, da sie fast jedes Match und Turnier für sich entscheiden konnte.

Der bekannte Sport-Autor Grantland Rice (der in seiner Karriere vielen Athleten Spitznamen gab) hat Wills den passenden Titel „Little Miss Poker Face" verliehen. Der Spitzname ist hängengeblieben und war als Kompliment gedacht, das sich Wills hart erkämpft hatte.

In seinem Werk „Days Without End" (1934) schrieb der Dramatiker Eugene O'Neill einer seiner Figuren „den bedeutungslos-freundlichen Gesichtsausdruck, der dem einladenden Pokerface des amerikanischen Geschäftsmanns entspricht", zu. Die Beschreibung ist durchaus passend, wenn wir uns vor Augen halten, dass in der Geschäftswelt mit Informationen Geld verdient werden kann (und oft auch wird).

1943 schrieb der Autor Graham Greene ein Review zu Hesketh Pearsons Biografie über Sir Arthur Conan Doyle, dem Autoren der Sherlock Holmes-Bücher. Greene verpasste seinem kurzen Essay den Titel „Das Pokerface" und lobte Pearson im Artikel dafür, genug über Doyle herausgefunden zu haben, um ihn für den Leser zum Leben zu erwecken - dass sie also wie Sherlock Holmes echte Detektivarbeit geleistet hätte, um erfolgreich „hinter das Pokerface" zu blicken.

Maria Konnikova gelangt in ihrem Buch über Doyle und die Sherlock Holmes-Romane („Mastermind: How to Think Like Sherlock Holmes") übrigens zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Das Buch ist für Pokerspieler interessant zu lesen, auch wenn es im Kern nicht um Poker geht.

Konnikova hat Poker vor kurzem auch in einem anderen Kontext abseits der Tische diskutiert. Lesen Sie dazu diesen Artikel: „Konnikova spricht vor dem World Economic Forum über Poker und andere Themen".

In seinem Essay beschreibt Greene das „Pokerface" auf eher poetische Art und Weise.
„Ein Gesicht, das an mehr als hundert Bartresen gesichtet worden ist - ein Anflug von Haaren über der hohen, weißen Stirn, der dichte Bart mit spitzen Enden, die unerschütterlichen, fröhlichen Augen, ein Mann, der andere Männer gesellig zusammenrücken lässt, aber genau weiß, wann Schluss ist mit lustig", schrieb Greene. „Er trägt einen schwarzen Anzug (das Jackett hat vier Knöpfe) und glänzende Schuhe. Hätte Sherlock Holmes von dieser prächtigen Erscheinung auf etwas schließen können, das der bizarren Wahrheit auch nur entfernt ähnelt?"

Verstecken spielen

Wir könnten problemlos noch mehr Beispiele von Pokerfaces aus den Bereichen Politik, Sport, Geschäfts- oder Kriegswesen auflisten. Es ist klar, worauf ich abziele. Ein Pokerface zu haben, bedeutet nicht lesbar zu sein. Hinter der offenen Erscheinung mag es eine „bizarre Wahrheit" geben, aber mit Sicherheit lässt sich das nicht sagen. Nur die Scharfsichtigsten unter uns - jemand mit der Beobachtungsgabe eines Sherlock Holmes - sind in der Lage, der Wahrheit auf den Grund zu gehen und zu enthüllen, was - wenn es überhaupt etwas gibt - im Verborgenen liegt.

Als der tolle Fotograf Ulivs Alberts seine geschätzten (und stark nachgefragten) Fotos unter dem Titel „Poker Face" veröffentlichte (die ersten Fotos gab es 1981, 2006 folgte „Poker Face 2"), hatte der Titel sowohl eine wörtliche als auch eine symbolische Bedeutung. Der Titel sollte den Eindruck vermitteln, dass die Spieler auf den Fotos Geheimnisse versteckt hielten, die es galt ans Tageslicht zu fördern.

Wohl aus ähnlichen Gründen gab der Anthropologe David Hayano seiner 1982 veröffentlichten Studie über Pokerspieler in Kalifornien den Titel „Poker Faces". Die Wahl des Titels wies darauf hin, dass Hayano angenommen hatte, dass hinter den scheinbar unergründlichen Gesichtern der Spieler an den Pokertischen in Kalifornien etwas lag, was erforscht werden musste - mehr, als man auf Anhieb erkennen kann (um ein weiteres Klischee zu bedienen).

Aaron Brown sind in seinem Buch „The Poker Face of Wall Street" (2007) Ähnlichkeiten zwischen dem Kartenspiel und der modernen Finanzwelt aufgefallen. Dabei zieht er Parallelen zwischen den Strategien, die in beiden Welten Anwendung finden. Der Titel hat auch noch eine weitere clevere Bedeutung. So deutet der Titel an, dass Brown etwas Verborgenes darüber herausgefunden hat, wie die Wall Street funktioniert.

„The Patrick Antonius Way"

Dan Harrington und Bill Robertie haben ihren Lesern im zweiten Teil von „Harrington on Cash Games" (2008) - im Kontext einer Diskussion über Tells und wie Spieler verhindern können, Tells zur Schau zu stellen - ein Extrembeispiel eines soliden „Pokerfaces" gegeben. Sie empfahlen ihren Lesern den „Patrik Antonius Way" - ein Ansatz, den der finnische Namensgeber verfolgt.

„Antonius' Verteidigung gegen Tells ist klassisch-einfach", schreibt der Autor. „Nachdem er eine wichtige Bet platziert hat, sitzt er einfach da am Tisch, steif wie ein Brett, und starrt stumm auf einen festen Punkt im Raum."

Sein Pokerface beurteilten sie als „gelungene Nachahmung einer katatonischen Trance". Nachdem sein Gegner eine Entscheidung getroffen hat, „kehrt er in seinen Körper zurück und ist wieder unter den Lebenden".

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