Die längsten 11 Meter: Warum England verliert und Deutschland immer gewinnt

Wenn in diesem Sommer in Russland die Fußball WM beginnt, werden Fans auf der ganzen Welt von Ruhm träumen. Sie werden hoffen, dass ihr Team am 15. Juli in Moskau zum Weltmeister gekrönt wird. Das ist immer so. Aber in diesem Jahr ist es noch wichtiger.

Dank der Stars £100 Million Challenge, ist es wichtiger denn je, dass die Ergebnisse zu Ihren Gunsten ausfallen. Erraten Sie alle 64 Spiele, könnten Sie 100-facher Millionär werden.

Aber mit viel Geld kommt großer Druck, und einige bekannte Ängste schleichen sich ein. Jeder, der eine Stars £100 Million Challenge ausgefüllt hat, wird sich sicher fürchten, sobald es in einem K.O.-Spiel kein Ergebnis gibt, die Uhr 120 Minuten anzeigt und der Schiedsrichter ein letztes Mal pfeift, indem er auf den Elfmeterpunkt zeigt.

Der fehlerhafte, unvollkommene Tiebreaker des Fußballs - das Elfmeterschießen - wird in der K.O.-Phase wieder dazu verwendet, eines von zwei erschöpften Teams zum Sieger zu küren. Das ist der Moment, in dem sich der Spreu vom Weizen trennt. Angst vermischt sich mit Erwartung; Terror untermauert die Hoffnung. Alle Wetten sind ungültig.


Die winselnden Three Lions

Vor allem für die englischen Fans sind Elfmeterschießen der schlimmste Fall. "Ich halte uns für tot", sagt Ben Spragg, besser bekannt als PokerStars Ambassador Spraggy, der ein leidender England-Fan ist. "Es ist vorbei, wir haben schon verloren. Wenn wir in eine Elfmeterschießen-Situation geraten, haben wir schon verloren."

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Wenn England in ein Elfmeterschießen kommt, wird von Jamie Vardy erwartet, dass er sich steigert

Der Pessimismus ist nicht unberechtigt. Seit der Einführung von Elfmeterschießen bei großen internationalen Fußballturnieren im Jahr 1976 war England an sieben Elfmeterschießen beteiligt. Sie haben sechs davon verloren: drei bei den Weltmeisterschaften 1990, 1998 und 2006 und drei bei den Europameisterschaften 1996, 2004 und 2012. Nur Italien hat auch so viele verloren - aber die Azzurri besiegten England, als die beiden im Viertelfinale der Euro 2012 in der Ukraine gegeneinander antraten.

Selbst Englands Einzelerfolg im Shootout gegen Spanien im Viertelfinale der Euro 96 wurde schnell vergessen. Im nächsten Spiel besiegte Deutschland England bei einem Shootout in Wembley unbarmherzig und beendete damit die Hoffnungen auf Erfolg für eine Generation von England-Fans.

"Deutschland scheint immer nur aus Spaß ins Elfmeterschießen zu kommen", sagt Spraggy.

Es stimmt, während Englands Three Lions geweint haben, hat sich Deutschland selbst übertroffen. Die Shootout-Rekorde der Teams stellen ein nahezu perfektes Spiegelbild dar: Deutschland hat sechs von sieben bei großen Turnieren gewonnen, und alle vier bei Weltmeisterschaften. Das einzige Scheitern Deutschlands, im Finale der Europameisterschaft 1976, weckt kaum noch Erinnerungen bei den Fans.

Die beiden Elfmeterschießen, die die alten Rivalen gegeneinander gespielt haben, bleiben die herzzerreißendsten Niederlagen, die England erlitten hat. In Turin bei der WM 1990, als Gazzas Tränen die Niederlage Englands dokumentierten, fand Deutschland keinen Platz für Gefühle. Sechs Jahre später, bei der Euro 96, dachte England wieder, dass es diesmal auf heimischem Boden ins Finale gehen würde. Spielverderber Deutschland und der stolzierende Andreas Möller zerstörten die Hoffnungen.


Deutschlands rationaler Plan

Diese Ungleichheit der Schicksale hat die Experten häufig dazu veranlasst, sich auf das Duell zwischen England und Deutschland zu konzentrieren, um die dunklen Geheimnisse des Elfmeterschießens zu verstehen. Was machen die Deutschen richtig, was die Engländer falsch machen?

"Es ist eine Kombination von verschiedenen Dingen", sagt Raphael Honigstein, ein deutscher Fußball-Journalist. "Natürlich denke ich, dass Deutschlands Technik, gepaart mit viel Training, hilft. Aber es gibt offensichtlich auch einen psychologischen Faktor, was England angeht. Sie gehen in jedes Elfmeterschießen mit diesem Glauben oder dieser Angst, dass sie wieder verlieren werden. Es ist nicht wirklich greifbar, es ist nicht wirklich quantifizierbar, aber es muss auf irgendeiner Ebene eine Rolle spielen."

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Deutschlands Nummer eins Manuel Neuer ist ein herausragender Gegner beim Elfmeterschießen

Auch wenn Honigstein zunächst die Meinung eines jeden Fußballfans widerspiegelt, ist seine weitere Analyse ungewöhnlich, vor allem in der Art und Weise, wie die deutschen Fans und Spieler an das Elfmeterschießen herangehen. Weit davon entfernt, sie als die todsicheren, genauen Roboter darzustellen, die in englischen Albträumen vorkommen, argumentiert Honigstein, dass ein Teil der Stärke Deutschlands in ihrem Verständnis liegt, dass sie verlieren könnten. Sie haben einen rationalen Ansatz für Elfmeterschießen, akzeptieren die Unsicherheit und hoffen nur auf das Beste.

"Ich bin mir nicht sicher, ob es in Deutschland überhaupt ein Argument ist, denn die deutschen Fans sehen, dass viele deutsche Mannschaften im Inland Elfmeterschießen verlieren, sonst würde jedes Pokalspiel mit Elfmeterschießen ewig weitergehen", sagt er. "Lasst uns nicht vergessen, dass Chelsea im Finale der Champions League 2012 das letzte Mal gegen Bayern München gewonnen hat."

Er fügt hinzu: "Der Gedanke, dass die deutsche Nationalmannschaft unbesiegbar ist, ist nicht so ausgeprägt, besonders nicht nach dem Elfmeterschießen in Italien, das ziemlich absurd war."

Das "Italien-Shootout" fand vor zwei Jahren bei den Europameisterschaften statt, wo Deutschland Italien trotz sieben verpasster Strafstöße mit 6:5 bezwang. Für Deutschland gab Thomas Müller Gianluigi Buffon eine leichte Parade, Mesut Özil traf den Pfosten und Bastian Schweinsteigers Schuss war viel zu hoch. Nur weil die Versuche von Simone Zaza, Graziano Pellè, Leonardo Bonucci und Matteo Darmian ähnlich missraten waren, kam Deutschland durch. Beide Teams waren außerordentlich unfähig.

"Es gibt so viel, was man auf dieser Ebene kontrollieren kann", sagt Honigstein und verweist auf die tiefen Phasen eines großen Turniers. "Individuelle Momente, ein bisschen Glück oder das Fehlen davon, werden den Unterschied ausmachen."


Glück und Stichprobengröße

Dies ist eine Möglichkeit, wie Pokerspieler ihre fußballbegeisterten Freunde trösten können, indem sie eine Erinnerung an das bedeutende Glückselement im Elfmeterschießen bieten, unterstützt durch einen Vortrag über die Stichprobengröße. Selbst diejenigen, die nur auf einem Fußballfeld und nicht an einem Pokertisch geschult werden, verwenden oft den Begriff "Coin-Flip", um ein Elfmeterschießen zu beschreiben. Englands Erfolgsquote liegt mit 14 Prozent zwar unter dem Durchschnitt, sieben Veranstaltungen stellen aber auch nur eine winzige Stichprobe dar. Es gibt keinen lebenden Pokerspieler, der nicht sechs aufeinanderfolgende Pair-versus-Overcards-Situationen (oder sogar 60/40-Situationen) verloren hat, aber er oder sie erwartet, dass sich die Varianz irgendwann ausgleicht.

"Bereit sein zu verlieren macht dich viel selbstbewusster", sagt Spraggy. "Sie haben bereits das schlimmere Ergebnis akzeptiert. Pokerspieler sind es gewohnt, richtig zu spielen und zu verlieren, während ich glaube, dass nicht viele Sportler bereit sind, das zu akzeptieren. Sie malen es in ihrem Kopf als schrecklich aus."

Für einen Moment stellte sich Spraggy vor als Englands Teampsychologe zu arbeiten und bereitete vor, was er dem Team sagen würde. "Keine Sorge bei einem Elfmeter wegen der Vergangenheit", sagt er. "Mach dir keine Sorgen um den Druck des Augenblicks. In der Sunday League konntest du auch einen Elfmeter schießen. Du musst dich auf den technischen Aspekt konzentrieren. Es ist sehr leicht, einen Elfmeter zu schießen. Du kannst ihn einfach reinmachen. Konzentriere dich einfach auf den Moment, nimm den Elfmeter und schieße ihn."

Trotz alledem lastet die Geschichte auf Englands Fans und Spielern. England regelmäßiges Versäumnis sich Edelmetal zu sichern spielt bei der Besessenheit rund um das Elfmeterschießen sicher mit. Mit jedem trophäenlosen Jahr wird die Prüfung der Männer, die frühere Chancen vergeudeten, immer extremer; Schießuntauglichkeit wird zum Symptom und zur Ursache von Englands Elend.

Honigstein kontrastiert den typisch englischen Wunsch, einen Sündenbock zu finden und zu verunglimpfen, mit dem Schicksal von Uli Hoeneß, dem deutschen Stürmer der 70er Jahre, der im Finale der Europameisterschaft 1976 die Niederlage verschuldete. Hoeneß schoss im entscheidenden Elfmeterschießen gegen die Tschechoslowakei seinen Strafstoß über die Latte, und die gesamt Schuld lastete auf ihm. Aber er erlitt nie die gleiche dauerhafte Berühmtheit wie Englands berüchtigte Elfmeterschützen.

"Es wurde durch die Tatsache ausgeglichen, dass Deutschland schon viele Trophäen gewonnen hat", sagt Honigstein. "Es ist etwas, an das sich manche erinnern, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand 2018 wirklich verärgert ist, dass Deutschland 1976 die Euro nicht gewonnen hat."

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Deutschland feiert seinen Sieg in Brasilien vor vier Jahren


Champions versagen

Im Gegensatz dazu sind englische Fans - und die englischen Medien - gescheitert. Wie fast alle englischen Fans konnte auch Spraggy eine lange Liste von Spielern auf den Punkt bringen, die angetreten und gescheitert waren, darunter der ehemalige englische Flügelstürmer Chris Waddle, der im Halbfinale gegen Deutschland 1990 einen entscheidenden Elfmeter verpasste.

An dem Punkt, an dem Waddle seinen Strafstoß in den Orbit über Turin schoss, war Spraggy zwei Monate alt; er wurde im Mai dieses Jahres geboren. Auch wenn das Spiel im Fernsehen neben der Krippe des Kleinkindes Spraggy gelaufen sein mag, kennt er Waddle nur aus späteren Wiederholungen.

"Ich schätze, es ist wie beim Poker, wo man sich an seine Bad Beats erinnert", sagt Spraggy. "Ich bin sicher, dass wir viele großartige Elfmeter und viele großartige Elfmeterschützen hatten, aber es gibt diese Erinnerungsvorurteile, bei denen wir uns nur an die Niederlagen und nicht an die Siege erinnern. Ich könnte Ihnen nicht sagen, wer den sieg bringenden Strafstoß gegen Spanien erzielt hat (bei Euro 96). Aber ich kenne Chris Waddle und Gareth Southgate."

Southgate ist jetzt Englands Manager und hat die nicht beneidenswerte Aufgabe, seine Spieler davon zu überzeugen, das zu tun, was er sagt. Er nimmt eine jugendliche Mannschaft mit nach Russland - nur sieben von Englands 23 Spielern waren bereits geboren, als England 1990 das berüchtigte Elfmeterschießen verlor - und sein Job als englischer Manager kann seine Mannschaft sicher davon überzeugen, dass die Welt nicht untergehen wird, wenn sie einen Elfmeter verschießen.

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Der neue englische Manager Gareth Southgate verschoss 1996 einen Elfmeter -
ist er 2018 von der Seitenlinie aus besser?

Selbst Honigstein sagt, dass für England nicht alles verloren ist. In Bezug auf das Elfmeterschießen gegen Deutschland 1990 sagt Honigstein: "Wenn das jetzt gespielt würde, könnte es ein anderes Ergebnis geben. Es war damals leicht zu erklären, aber man kann nicht unbedingt alles auf heute projizieren und sagen, dass das Gleiche jetzt passieren würde. Die Zeiten haben sich geändert und es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Deutschland die Elfmeterschießen gewinnt."

Dass England in diesem Jahr in Russland erfolgreich ist, ist noch lange nicht absehbar. BetStars listet sie mit 14/1 auf, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen (Deutschland hat 19/4). Es ist noch ein langer Weg zum Erfolg bei der Stars £100 Million Challenge, aber Sie müssen mit dabei sein, um sie zu gewinnen. Wie Spraggy sagt: "Man erwartet nie, die Sunday Million zu gewinnen, und man ist nie überrascht, wenn man ausscheidet. Aber jeden Sonntag hast du eine neue Chance."

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