Was man von Big Brother Canada über Poker-Strategie lernen kann

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Reality-Spielshows, bei denen mehrere Kandidaten gegeneinander antreten und darum kämpfen in der Show zu bleiben, weisen einige Ähnlichkeiten zu Poker auf.

Bei diesen Shows werden die „Spieler" gegeneinander ausgespielt - und zwar so lange, bis nur noch einer übrig ist. Poker-Turniere spielen sich im Grunde auf die gleiche Weise ab. Das Streben nach Erfolg; die Glücksfälle - mal für den einen, mal für den anderen; die pathetischen Szenen nach dem Ausscheiden eines Teilnehmers. All das lässt sich sowohl bei Poker-Turnieren als auch bei Reality-Spielshows beobachten.

Kevin Martin, der zum Team Online Pro von PokerStars gehört, war früher nur ein Pokerspieler, der Spaß am Reality-Fernsehen hatte. Dann nahm er selbst an einer Spielshow teil. Und bei seinem zweiten Auftritt im kanadischen Big Brother-Haus fand er heraus, wie es sich anfühlt die Show zu gewinnen.

Wer kann uns die Schnittmenge zwischen Poker und Reality-Fernsehen also besser vermitteln als Kevin Martin? Obendrein hat er versprochen uns zu erklären, wie die Strategien, mit denen sich diese Reality-Spielshows gewinnen lassen, auch unsere Poker-Strategie stärken können.

Nachdem er an der dritten Staffel von Big Brother Kanada teilgenommen hatte, durfte Martin wie sieben andere Kandidaten bei der fünften Staffel ein zweites Mal ran. Neben diesen acht Kandidaten nahmen auch eine Handvoll Neulinge an der Show teil, und zusammen wurden die Teilnehmer 70 Tage lang im kanadischen Big Brother-Haus untergebracht. Auf den Spieler, der als letztes übrig bleiben sollte, wartete ein Preisgeld in Höhe von $100.000.

„Es war völlig verrückt", erklärte Martin. „Zwei Wochen, bevor die Show aufgenommen werden sollte, wurde ich angerufen und gefragt, ob ich es noch einmal versuchen wollte."

„Die Chance mich auf die Probe zu stellen, war etwas, was ich einfach nicht ablehnen konnte."

Zwar war es ein Freeroll, aber die Entscheidung fiel Martin nicht unbedingt leicht. Als Vollzeit-Pokerspieler und Twitch-Streamer, der in letzter Zeit immer mehr Follower um sich scharen konnte, war es nicht der beste Zeitpunkt für den 24-Jährigen, sich gut drei Monate lang von der Außenwelt abzusondern.

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Kevin Martin in seiner gewohnten Umgebung am Pokertisch

Als Pokerspieler weiß Martin allerdings auch, dass es manchmal an der Zeit ist, Shots zu riskieren. Gemäß dem Motto „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt" ist sich Martin bewusst, dass man manchmal auch Risiken eingehen muss, um etwas zurückzubekommen.

Letzten Endes war es eine Achterbahnfahrt für Martin - zeitweise kochte das Adrenalin mehr über als bei den aufregendsten Poker-Sessions, die wir uns vorstellen können.

„Die Höhe und Tiefen, die man in diesem Haus erlebt, sind unglaublich", so Martin.

Diesmal konnte Martin aber die Karten richtig ausspielen und die Endphase - mit etwas Glück natürlich - für sich entscheiden. Bei seinem Sieg im vergangenen Mai hatten sich über eine Million kanadische Zuschauer vor den Fernsehbildschirmen versammelt.

Da stellt sich nur eine Frage: Konnte sich Kevin Martin irgendwelche Poker-Strategien zunutze machen, um Big Brother Kanada zu gewinnen?

Wenn wir Martin dabei zuhören, wie er über die Show redet, hört es sich fast so an, als würde er ein High-Stakes-Turnier beschreiben:

„Es war eine Umgebung, in der man niemandem vertrauen konnte!", sagte er. „Jedes Mal, wenn man mit jemandem geredet hat, musste man sich fragen, ob der andere Hintergedanken hatte. Man weiß, dass jeder sich selbst der nächste ist - dass sich jeder bemüht, Plus-EV-Entscheidungen zu treffen, um den eigenen Stand zu verbessern."

Wie in einem Poker-Turnier, bei dem manche Gegner eher unkonventionell vorgehen, musste auch Martin mit Spielern umgehen lernen, die Sachen gemacht haben, die man nicht unbedingt als „korrekt" bezeichnen würde.

„Gegen Ende haben ein paar Leute Moves ausgepackt, die minus-EV waren. Eine wundervolle Dame hat sogar zugegeben, dass ihr ihr eigenes Spiel egal war und sie mich nur noch draußen sehen wollte", sagte Martin.

„Man muss Stolperfallen ausweichen", so Martin weiter. „Manche Leute treffen verrückte, völlig unlogische Entscheidungen, die einen verletzen können, aber man muss sich irgendwie durchlavieren, um die Endphase zu erreichen."

Solche „Spielzüge" können die Varianz in die Höhe treiben - als Pokerspieler konnte Martin sein Poker-Verständnis zu seinem Vorteil nutzen.

„In einem Turnier muss man gut spielen, um zu gewinnen, aber man muss auch Glück haben. Dasselbe ist bei der Show der Fall - es gibt viele Drehungen und Wendungen und in schwierigen Situationen muss man sich geistig unter Kontrolle haben."

Manche dieser Wendungen kamen bei der Show durch die „Power of Veto"-Wettbewerbe zustande, bei denen einige Spieler mit den Aufgaben mehr Glück hatten als andere. „Wenn man einen Wettbewerb bestreiten muss und die Aufgabe den eigenen Fähigkeiten entspricht, hat man sehr viel Glück gehabt", bemerkt Martin.

Nicht nur das, aber bei den Spielregeln werden die Gegner für eine Herausforderung teilweise sogar ausgelost. Hier entscheidet also bereits das Losglück über Sieg oder Niederlage.

Bei seinem ersten Versuch in der Show hatte Martin seine Identität als Pokerspieler geheimgehalten - beim zweiten Mal war jedem Teilnehmer in der Show klar, dass Martin ein professioneller Kartenspieler war.

Aus diesem Grund konnte Martin aus erster Hand erfahren, wie andere über Pokerspieler denken - dass einige glauben, dass sie „zwielichtige Gestalten" wären oder „immer bluffen und lügen" würden. Andere waren aus Angst vor seinem Hintergrund in ständiger Alarmbereitschaft, da sie wohl das Gefühl hatten, dass Martin nur darauf aus wäre, so „optimal" wie möglich gegen sie zu agitieren.

„Teilweise hatte ich mit manchen Leuten Schwierigkeiten", erklärt er. „Wenn man es zu sehr versucht ... wenn man versucht, das System zu ‚gamifizieren', durchschauen die Leute das und man kann als falsch wahrgenommen werden. Manchmal musste ich einen Gang zurückschalten und mich beruhigen."

Es heißt, Poker ist ein psychologisches Spiel, das mit Karten gespielt wird. Wenn man Martin zuhört, könnte man etwas Ähnliches über die Spiele im Reality-TV sagen.

„Wenn man die anderen Hausbewohner wie Poker-Chips oder Schachfiguren behandelt, macht man sich schnell selbst zur Zielscheibe", sagt er. „Es ist ein Spiel unter Menschen, bei dem das soziale Miteinander im Vordergrund steht."

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Kevin Martin kommt aus der kanadischen Stadt Calgary, wo die Hart Wrestling-Dynasty die bekanntesten Bewohner sind

Die Erfahrungen in der Show bestätigten für Martin nochmals ein paar andere, grundsätzliche Wahrheiten, was Erfolge in Poker-Turnieren anbelangt. Ein wichtiger Faktor ist die Ausdauer und die Fähigkeiten, über lange Zeiträume hinweg psychisch belastbar zu sein.

Er beschreibt die Show als „70-tägiges psychisches Draufhauen", was man einigen gegen Ende sogar ansehen konnte. „Man konnte es an ihren Gesichtern ablesen", sagt er.

Martin kann sich an ähnliche Szenen erinnern, wenn er an die World Series of Poker im vergangenen Jahr zurückdenkt. Nach mehreren Tagen in einem Turnier hätte man sehen können, „dass die Leute anfangen, zusammenzubrechen und schlechte Entscheidungen zu treffen."

Zu erkennen, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist, hat Martin bei seinem Sieg auch geholfen. In den zwei Wochen zwischen der Einladung und dem Beginn der Dreharbeiten schaute er sich alle vorherigen Big Brother-Folgen an und machte sich Notizen über jede einzelne Challenge. Indem er seine Energie auf das Beobachten und Nachahmen verwendete, konnte er seine Emotionen im Zaum halten und bewusst miterleben, wie sich die Staffel für ihn entwickelt.

„Ich habe darüber nachgedacht, wie ich jede einzelne Challenge, die sich mir in den Weg stellen könnte, bestmöglich meistern könnte. Was die Challenges angeht, war ich in der Geschichte der Show vielleicht der Hausbewohner, der sich am besten vorbereitet hat!", sagt Martin und grinst dabei.

„Die Vorbereitung hat Big Brother Kanada für mich gewonnen", so Martins Schlussfolgerung. „Die Erfahrung hat in Bezug auf Poker einiges nochmal bestätigt. Wenn ich die Dinge, die ich in der Pokerwelt vorhabe, wirklich erreichen will, muss ich jede Woche Stunden einplanen, um zu lernen. Und bei allem, was man im Leben erreichen will, sind Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit mindestens genauso wichtig."

Wir werden sehen, wohin sich Martin pokertechnisch nach seiner unglaublichen Erfahrung im Reality-TV bringen kann - und wir werden ihm sogar dabei zuschauen können, da er seine eigene Reality-Show auf Twitch hat. Die, in der er anderen zeigt, wie man Poker spielt.

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Live Turnier-Berichte

PokerStars Championship Prag

Euro 5.300 Main Event

Starttag 1A: 12. Dezember 2017
Startzeit: 12 Uhr

Spielort: Hilton Prague

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