Das Spiel der Spiele: 5 Football-Momente und ihre Poker-Weisheiten

von Martin Harris


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Das wichtigste Football-Spiel der Saison steht uns bald ins Haus - ein Spiel, bei dem allein in den USA mehr als 100 Millionen Zuschauer erwartet werden. Jeder Spielzug und jede Entscheidung des Coaches wird hinterfragt werden. Dasselbe passiert mit Händen, die an den größten Poker-Final Tables gespielt werden.

Wenn wir uns an vergangene Finalspiele zurückerinnern, gab es immer Momente, die noch Jahre später diskutiert werden. Millionen Menschen, die zum Teil noch nie Football gespielt haben, wissen am Tag nach dem Spiel besser Bescheid als die Spieler und der Coach.

Aus einigen Football-Spielen lassen sich Erkenntnisse herausziehen, die sich auf Poker übertragen lassen. Während wir uns auf das große Finale vorbereiten, erinnern wir uns an unvergessliche Entscheidungen vergangener Spiele zurück. Sie dienen uns auch als Erinnerungsstütze, was wir an den Poker-Tischen - schließlich ist Poker auch ein Sport - tun und nicht tun sollten.


1. „Garos Fehltritt"


Miami Dolphins vs. Washington Redskins (1973)

Die Miami Dolphins führten die Washington Redskins bereits dreieinhalb Quarters lang an der Nase herum - sie lagen 14:0 vorne und waren auf dem Weg, eine Saison ohne Niederlage zu spielen. Beim vierten Down und nur etwas mehr als zwei Minuten auf der Uhr entschied sich Coach Don Shula dafür, den verlässlichen Kicker Garo Yepremian einzusetzen, um ein Field Goal aus 42 Yards Entfernung zu erzielen. Später erinnerte er sich, wie er in diesem Moment daran dachte, den Punktestand auf 17:0 zu hieven und mit dem bisherigen 17:0-Rekord des Teams gleichzuziehen.

Yepremians Versuch wurde geblockt - als der Ball zu ihm zurücksprang und er ihn aufsammeln und werfen wollte, kam es zu einem unglückseligen Pass. Als er zum Wurf ansetzen wollte, rutschte der Ball aus der Hand des Kickers und er schlug ihn nach oben. Mike Bass, einer der Defender der Redskins, schnappte sich den Ball und schleuderte ihn für einen Touchdown an der Seitenlinie entlang. Plötzlich stand es 14:7 und das Spiel war fast wieder offen, aber zu ihrem - und Yepremians - Glück waren sie imstande, dem Druck standzuhalten und das Spiel zu gewinnen.

Poker-Weisheit: Wenn Sie unter Druck stehen - zum Beispiel, wenn eine Hand postflop anders verläuft als gewünscht -, sollten Sie von allzu kreativen Lines absehen. Schon ein kleiner Fehler, der Ihnen früh in einer Hand unterläuft, kann sich auf spätere Entscheidungen extrem negativ auswirken. Manchmal ist es sinnvoller, eine Hand zu folden, statt einen verzweifelten Check-Raise-Bluff am River zu spielen - in der Hoffnung, dass Sie damit durchkommen.

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Wenn die Einsätze hoch sind, greifen Sie auf Strategien zurück, die in der Vergangenheit erfolgreich waren, anstatt zu gamblen


2. „Rocket Screen"


Los Angeles Raiders vs. Washington Redskins (1984)

Kurz vor Ende der ersten Hälfte - die Uhr zeigte noch 12 Sekunden an - lagen die Washington Redskins 14:3 hinten und waren bis zu ihrer eigenen 12-Yard-Linie zurückgedrängt worden. Die meisten Zuschauer gingen davon aus, dass die Redskins bereitwillig mit dem Rückstand in die Halbzeit gehen werden. Coach Joe Gibbs wies seinen Quarterback Joe Theismann allerdings an, einen Spielzug namens „Rocket Screen" zu spielen - dabei handelt es sich um einen langen Pass, der nur eine sehr kleine Chance hat, Raum zu gewinnen. Und wahrscheinlich würde die Zeit ablaufen, selbst wenn der Pass gelingen sollte.

Zum Leidwesen für Washington durchschaute Jack Squirek, Linebacker der Los Angeles Raiders, den Spielzug und er konnte den Pass erfolgreich abfangen. Ohne Probleme konnte er den Ball in die Endzone tragen und „einfache" sechs Punkte für sein Team sammeln - damit stand es zur Halbzeit sogar 21:3. Washington konnte sich von diesem Schock nicht erholen und die Raiders gewannen das Spiel überdeutlich mit 38:6.

Poker-Weisheit: Wenn Sie in einer Session verloren haben oder in einem Turnier mit einem kleinen Stack auskommen müssen, bleiben Sie wachsam und gehen Sie keine unnötigen Risiken ein. Vielleicht fühlt es sich nicht richtig an, eine schlechte Starthand zu folden, nachdem Sie so lange verloren haben, aber Sie sollten es vermeiden, Spots zu spielen, in denen Sie Glück haben müssen, um sie zu meistern.

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3. „Holmgrens Irrtum"


Green Bay Packers vs. Denver Broncos (1998)

Bei einem Gleichstand von 24:24 und weniger als zwei Minuten Restzeit standen die Denver Broncos auf der 1-Yard-Linie der Green Bay Packers vor ihrem 2nd & Goal, als es zum Timeout kam. Mike Holmgren, Coach der Packers, erklärte seinem Team, dass sie Denver den Touchdown schenken sollten, um sicherzustellen, dass Green Bay den Ball zurückbekommt und genügend Zeit da ist, um den Gleichstand wiederherzustellen.

Holmgren machte in dieser Situation einen entscheidenden Fehler: Green Bay konnte noch zwei Tiemouts ausrufen, aber er dachte, dass Denver bei einem 1st & Goal wäre - und nicht bei einem 2nd & Goal. Das ist ein gravierender Unterschied für das Finden der richtigen Strategie. Er hätte versuchen können, Denver mit Hilfe der Timouts bei den nächsten zwei Versuchen am Punkten zu hindern. Selbst wenn sich Denver die Punkte aus eigener Kraft geholt hätte, hätte Green Bay mehr als genug Zeit gehabt, um wieder gleichzuziehen. Mit anderen Worten: Es gab keinen Grund, Denver wie geschehen punkten zu lassen.

Green Bays Versuch, den Gleichstand herbeizuführen, war nicht erfolgreich und Denver gewann 31:24.

Poker-Weisheit: Seien Sie sich immer der Situation bewusst. Machen Sie keinen Fehler, weil Sie nicht wissen, wie viele Chips sich im Pot befinden, wie die Stacksizes sind oder was Ihr Gegner gerade gemacht hat. Beim Pokern sind sogar erfahrene Spieler immer wieder mal nachlässig - so entgehen ihnen wichtige Details, die sich bei voller Konzentration auf die Entscheidungsfindung ausgewirkt hätten.


4. „Ambush"


New Orleans Saints vs. Indianapolis Colts (2010)

Vielleicht war es einer der überraschendsten „Trick-Spielzüge" in der Geschichte des Sports. Die New Orleans Saints waren zur Halbzeit 10:6 im Rückstand - sie hatten Schwierigkeiten mit der starken Offense der Indianapolis Colts, die ohnehin als Favoriten in das Spiel gegangen waren. Zu Beginn der zweiten Hälfte forderte Saints-Coach Sean Payton einen Onside Kick - ein Spielzug namens „Ambush", den sie die ganze Woche trainiert hatten. Es war das erste und einzige Mal in der Geschichte des Saison-Finales, dass ein Team vor dem vierten Quarter einen Onside Kick versucht hatte.

Der Kick prallte an einem Colts-Spieler ab und damit war der Ball freigegeben - nach einem wilden Hin und Her konnten sich die Saints schließlich den Ball sichern. Bald konnte sich New Orleans mit einem anschließenden Touchdown-Drive die Führung sichern. Die zweite Hälfte gehörte den Underdogs und sie entschieden das Spiel 31:17 für sich.

Poker-Weisheit: Sie haben sicher schon gehört, wie wichtig es ist, beim Pokern mal tight zu spielen, aber auch aggressiv zu werden, wenn es notwendig ist - zum Beispiel in der mittleren Phase eines Turniers, nachdem Sie sich erfolgreich ein tightes, fast schon ängstliches Image aufgebaut haben. Mit plötzlichen Veränderungen können Sie Ihre Gegner überraschen. Sie werden eine Hand nicht nur gewinnen, sondern Sie verdienen sich auch das Momentum und halten den Tisch auf Trab, während die anderen Spieler noch rätseln, wie sie sich am besten wehren sollten.


5. „Kein Beast Mode"


New England Patriots vs. Seattle Seahawks (2015)

Gegen Ende des vierten Quarters waren die New England Patriots 28:24 vorne, aber die Seattle Seahawks hatten sich bis zur 5-Yard-Linie der Patriots vorgekämpft, nachdem sich Jermaine Kearse, einer der Receiver der Seahawks, den Ball in Artisten-Manier gesichert hatte. Beim nächsten Spielzug rannte Marshawn Lynch, der verlässliche Running Back der Seahawks, bis zur 1-Yard-Linie. Die Uhr zeigte nur etwas mehr als eine Minute an, aber New England machte keine Anstalten, ein Timeout auszurufen. Stattdessen warteten sie, wie Seattle sich 30 Sekunden Zeit nahm, um den finalen Spielzug vorzubereiten.

Jeder Zuschauer ging fest davon aus, dass Lynch wieder zum Einsatz kommen würde. Schließlich hatte der Running Back mit dem Spitznamen „Beast Mode" in diesem Spiel bereits einen Touchdown erzielt - im ganzen Jahr war er sogar 13 Touchdowns gelaufen. Zur Überraschung aller Beobachter entschied sich Seattles Coach Pete Carroll für einen Pass-Spielzug, der von Quarterback Russell Wilson ausgeführt wurde. Malcolm Butler, der Cornerback von New England, konnte die Formation rechtzeitig erkennen und den Receiver an der Ballannahme hindern. Anschließend konnten die Patriots an ihrem Vorsprung festhalten und das Spiel gewinnen, obwohl die Niederlage eigentlich scheinbar sicher war.

Poker-Weisheit: Wenn Sie in einer Cashgame-Session gewinnen oder sich deep an einem Final Table oder in einem Turnier befinden, erinnern Sie sich an die Strategie, die erfolgreich war. Geben Sie Ihre Spielweise nicht vorschnell auf, um Ihre Gegner zu übervorteilen, die womöglich noch versuchen, aus Ihrer alten Strategie schlau zu werden.

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Erinnern wir uns gemeinsam an drei weitere Football-Momente, die ebenfalls Poker-Weisheiten bereithalten:

New England Patriots vs. Philadelphia Eagles (2005)

Mit weniger als sechs Minuten auf der Uhr und 24:14 im Rückstand, drängten sich die Eagles während eines langatmigen Touchdown-Drives nach jedem Spielzug zusammen - das kostete sie beinahe vier Minuten Zeit. Das lahme Spiel zwang sie schließlich dazu, einen Onside Kick zu versuchen (an dem sie scheiterten) und die Patriots holten sich den Sieg 24:21 nach Hause. Poker-Weisheit: Blinden Sie nicht aus, wenn Sie shortstacked ein Turnier spielen.

New York Giants vs. New England Patriots (2012)

In einer Situation gegen Ende des Spiels, die an das Match Packers vs. Broncos 1998 erinnert, gewährten die Patriots den Giants einen Touchdown - damit holte sich New York die 21:17-Führung. Die Uhr zeigte allerdings weniger als eine Minute an und ohne das Zulassen des Touchdowns hätten die Patriots keine Zeit mehr gehabt, mit einem eigenen Angriff darauf zu antworten. Poker-Weisheit: Manchmal ist es besser, zu folden und eine Hand aufzugeben, um einen besseren Spot zu finden.

Baltimore Ravens vs. San Francisco 49ers (2013)

Bei 12 Sekunden Restzeit waren die Ravens 34:29 vorne und mussten in ihrer eigenen Endzone einen Punt spielen. Anstatt aber einen gefährlichen Punt zu riskieren, der geblockt werden und den 49ers einen Touchdown bescheren könnte, lief Ravens Punter Sam Koch acht Sekunden lang herum, bevor er die Endzone verließ und den Gegner mit Absicht ein 2-Punkte-Safety ermöglichte. Bei 4 Sekunden Restzeit konnte Baltimore einen wesentlich einfacheren Free Kick spielen und nachdem der Returner zu Boden gebracht worden war, hatten sie das Spiel 34:31 gewonnen. Poker-Weisheit: Machen Sie sich mit dem Regelwerk vertraut - finden Sie heraus, welche Regeln Sie wie zu Ihrem Vorteil nutzen können.



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