Von den Besten lernen: Liv Boeree

Ein Portrait von Mary-Ann McCarthy

Der Traum eines jeden Pokerspielers ist für Liv Boeree längst in Erfüllung gegangen. Das Million-Dollar-Girl sahnt regelmäßig riesige Summen an Preisgeldern ab, gewinnt Turniere und ist schon seit Längerem eine feste Größe in der Pokerszene.


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Man mag es ihr nicht anmerken, doch hinter ihrem stilvollen und glamourösen Auftreten verbergen sich etliche Jahre harter Arbeit. Erst seit sie 2010 die European Poker Tour in San Remo gewonnen hat, gehört sie der Pokerprominenz an. Heute ist eine der bekanntesten Pokerspielerinnen der Welt. Liv Boeree steht im Mittelpunkt und weiß damit umzugehen.

Wenn Vanessa Rousso der "Maverick" des Poker ist, dann muss Liv die "Princess of Poker" getauft werden. Ihre Gesten und ihr Sprachduktus sind stilvoll, sie sieht gut aus, kleidet sich stets adrett und ist eine große Pferdenärrin. Alles Eigenschaften, die ihr Prinzessinenimage unterstreichen. Wer sich jedoch zu sehr davon leiten lässt, wird sehr schnell feststellen müssen, wie trügerisch der erste Eindruck doch sein kann: Innerlich ist sie ebenso temperamentvoll wie reaktionsschnell - nicht umsonst ist Heavy Metal ihr bevorzugter Musikstil.


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Zu Livs größten Stärken gehört ihr untrüglicher Blick für Situationen. Sie erkennt früh, wo ihre Vorteile liegen, und versteht es, ihren Gegner das glauben zu lassen, was er ihrer Meinung nach glauben soll. Vor einer größeren Öffentlichkeit spielte sie diese Fähigkeiten zum ersten Mal in einer englischen TV Show aus. In "Golden Balls" können die Kandidaten einen progressiven Pot entweder unter einander aufteilen oder aber versuchen ihn für sich selbst zu beanspruchen - den Pot zu stehlen. Mit ihrem unschuldsvollen Prinzessinnen-Charme ließ Liv ihren Kontrahenten in dem Glauben, sie würde die Summe teilen wollen, und plädierte bis zur letzten Minute "Bitte, leg mich nicht rein!" Am Ende zieht sie den Megabluff vollends durch, stiehlt den Pot und hinterlässt einen schlicht fassungslosen Gegenspieler.



Keine Gefangenen! Dieser Denkansatz scheint Boerees Bluffverhalten zu lenken. Die Story aus dem britischen Fernsehen zeigt Liv von einer unzugänglichen Seite, die beim Pokerspiel so ungemein vorteilhaft sein kann. Ich denke, dass man in diesen Punkten noch einiges von von der EPT Gewinnerin lernen kann. Liv Boerees Spiel ist methodisch und strategisch, sie versucht früh, ihre Gegner einzuschätzen und zu manipulieren und - hier liegt zum Beispiel eine meiner großen Schwächen - sie kann sehr gut mit ihren Chips und ihrem Geld umgehen.

Von Liv bekommen wir einige hilfreiche Hinweise zur Frage Einschätzung des eigenen Chipstacks im Pokerspiel. Sie rät, dass man auch als Big oder Medium Stack nicht voreilig handeln, sondern sich erst einmal an das Klima des Tisches gewöhnen sollte. Ich wünschte, ich hätte diesen Rat schon gehört, bevor ich aus dem letzten Turnier als Bubble vom Tisch gegangen bin - vielleicht wäre ich jetzt um ein paar Hundert Euro reicher.


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Ein guter Pokerspieler muss hoch pokern und gleichzeitig mit seinem Stack haushalten können. Liv erzählte mir, sie sehe Ihre Chips am Tisch als Geldanlagen, die sich vermehren müssen. Als seien es reale Investitionen, legt sie ihr Geld auf den Tisch und setzt sie sehr, sehr überlegt ein, stets mit dem Ziel, das Angelegte zu vermehren. Genau so durchdacht ging sie das Projekt EPT-Teilnahme an. Damals gehörte sie bereits zu den regelmäßigen Teilnehmern des Poker Circuits. Die "Pokerprinzessin" qualifizierte sich für Ihre erste EPT Teilnahme via Satellite und stürmte prompt an die Spitze. Zu ihren großen Tugenden im Poker zählen neben einem planvollen Umgang mit den Chips auch die Ausdauer und Geduld, auf die optimalen Momente zu warten und weniger prickelnde Phasen auszusitzen.

Jeder Turnierspieler sollte das Heads- Up Training intensivieren und seinen Sinn fürs Shoven (= All-in Move als Angriff) schärfen. Ehrlich gesagt hatte ich vor der Recherche zu diesem Artikel nur wenig Ahnung vom Heads-up. Da ich bisher alles auf die harte Tour lernen musste, werde ich versuchen, diesen Rat weise zu nutzen, im Voraus planen und meine Heads- Up Skills zu verbessern. „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt" (hoffentlich).

Eines der vielen Dinge, die ich an Liv Boeree liebe, ist ihr Engagement, Frauen nicht nur zum Pokern zu motivieren, sondern ihnen zu vermitteln, sich in jeglicher, von Männern dominierter Branche, nicht unterkriegen zu lassen. Für mich macht das Boeree greifbar und identifizierbar. Auch ich glaube, dass Frauen sich nicht nur am Pokertisch nicht einschränken lassen sollten.

Liv Boeree sagt, dass sie in allem was sie macht gut sein möchte - am liebsten unter den oberen fünf Prozent. Das ist ein immenser Anspruch und es zeigt, was Boeree nach vorne treibt. Ehrgeiz ist eine tolle Eigenschaft und, ohne Zweifel, neben harter Arbeit, der Grund für ihren Erfolg und dafür, wo sie heute steht.

Alles in allem habe ich von Liv vor allem Folgendes gelernt: Entschlossenheit, Disziplin und Hingabe können sich zu Meilensteine auf dem Weg zum Erfolg entwickeln. Im Englischen sind das die drei D's (determination, discipline, dedication). Ich freue mich schon darauf, ihren weiteren Weg in der Pokerszene zu verfolgen. Hoffentlich kann ich noch mehr von ihr lernen.

Mary-Ann McCarthy schreibt für PokerStarsBlog.com die Serie "Learning from the Best". Zu den von ihr portraitierten Pokerpersönlichkeiten gehören auch Vanessa Selbst, Fatima Moreira de Melo und Vanessa Rousso. Die begeisterte Pokerspielerin konnte in ihrer schottischen Heimat live verfolgen, wie Liv Boeree das £ 1,000 + 100 No Limit Hold'em Main Event der UKIPT Edinburgh als Runner-up beendete und umgerechnet mehr als $154.000 in Empfang nahm.


Liv als Heavy Metal Chick: Copyright: Revolver Magazine

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