Ein Interview mit dem Gewinner des Sunday Warm-Up: RaiNKhAN


Hevad Khan

von Brad "Otis" Willis

Hinweis: Am letzten Sonntag gewann Team PokerStars Pro-Mitglied Hevad Khan das Sunday Warm-Up und damit rund $100.000. Die brasilianische PokerStars-Bloggerin Maria nutzte die Gelegenheit zu einem Interview mit RaiNKhAN und befragte ihn zu seinen Eindrücken über das Turnier und darüber, was sich seit der World Series 2007 für ihn getan hat. Die Originalversion dieses Interviews finden Sie im PokerStars-Blog Brasilien; bei der folgenden Story und dem Interview handelt es sich um eine Übersetzung.

Wer Hevad Khan - in Onlinepoker-Kreisen besser bekannt als RaiNKhAN - zum ersten Mal begegnet, sollte sich auf einen ziemlichen Schock einstellen. Und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes: Wer dem 23-Jährigen aus Poughkeepsie im US-Bundesstaat New York die Hand schüttelt, spürt tatsächlich so etwas wie einen elektrischen Schlag, denn Hevad Khan dürfte der wahrscheinlich energiegeladenste Spieler sein, den die Pokerwelt je gesehen hat.

Aber lassen Sie sich nicht von seinen Begeisterungsausbrüchen bei der WSOP 2007 täuschen, wo er bis an den Finaltisch vordrang und mit einer gesunden Portion Humor und Charisma einen großartigen sechsten Platz belegte: Wenn es ums Pokern geht, ist Hevad eine Maschine. Seine unglaublichen Fähigkeiten beim Multitabling haben in früheren Jahren das Gerücht aufkommen lassen, dass RaiNKhAN kein Mensch, sondern ein Pokerbot sei - und dieser Poker-Bulldozer, seit August 2007 Mitglied des illustren Team PokerStars Pro, gewann vergangenen Sonntag eines der begehrtesten Pokerturniere auf PokerStars, das Sunday Warm-Up. Sein erster Platz brachte ihm über $97.000 ein - und danach ließ RaiNKhAN es etwas langsamer angehen und gab mir ein Interview, während er gleichzeitig an "nur" zwölf Tischen spielte.

Maria: Hi Hevad, wie gehts?
HEVAD: Prima, alles easy, ich habe gerade nur 12 Tische am Laufen.

Maria: Hehe, ich kann mir vorstellen, dass dich das ziemlich langweilt. Aber da Multitabling ja nur eines deiner vielen Talente ist, können wir gleich damit anfangen: Warum erzählst du uns nicht ein bisschen über deine Fähigkeit, an unglaublich vielen Tischen gleichzeitig zu spielen, und darüber, warum man dich früher mal für einen Pokerroboter gehalten hat?

HEVAD: Schon seit ich mit dem Onlinepoker angefangen habe, damals im Herbstsemester an der Uni [an der University of Albany, wo Hevad zunächst Medizin, dann BWL und danach Mathematik studierte, bevor er sein Studium abbrach und Pokerprofi wurde - sehr zum Unwillen seines Vaters, eines Arztes], habe ich an acht Tischen gleichzeitig gespielt. Ich habe meine Bankroll gut 15 Mal komplett verspielt, bis ich den Bogen raus hatte. Ich würde liebend gern eine dieser Storys erzählen, wie ich sie von anderen kenne, die nur fünf Dollar eingezahlt haben und danach nie wieder Geld nachkaufen mussten, aber das war bei mir überhaupt nicht so. Ich hatte einfach das Glück, dass meine Familie recht wohlhabend ist, also habe ich nie wirklich Geldsorgen gehabt. Doch das hat sich in diesem Fall ausnahmsweise als Nachteil herausgestellt. Schließlich ist gutes Bankroll-Management so ziemlich das Wichtigste, was man als Pokeranfänger lernen und beherrschen muss.

Aber wie auch immer: Ich habe jedenfalls immer an einem Haufen von Tischen gleichzeitig gespielt, 30 oder 36 Tische, auf jeden Fall nie weniger als 20 zugleich. Also fingen ein paar von anderen Spielern, die mich an all diesen Tischen auftauchen sahen, damit an, mich bei PokerStars zu melden. Sie behaupteten, ich sei ein Bot, denn es wäre für einen Menschen gar nicht möglich, an so vielen Tischen gleichzeitig zu spielen. Also sperrten die Leute von PokerStars, die ja Sicherheitsfragen sehr ernst nehmen, vorsorglich meinen Account, um zu überprüfen, was an den Storys dran war. Und das taten sie ausgerechnet an einem Sonntag, dem gewinnträchtigsten Tag für jeden Pokerprofi - und ich ging die Wände hoch, weil ich natürlich spielen wollte. Ich sah ja ein, dass sie sich um die Sicherheit ihrer Spieler Sorgen machten, aber ich hatte schließlich nichts Illegales getan. Also entschloss ich mich, diese Sache ein für allemal aus der Welt zu schaffen: Mein Zimmergenosse schnappte sich seinen Camcorder, wir drehten ein kleines Begrüßungsvideo für PokerStars und dann nahm er mich dabei auf, wie ich an 26 Tischen gleichzeitig spielte. Als wir das Video zu PokerStars schickten, waren die Leute dort ziemlich beeindruckt von dem, was sie sahen. Sie schickten mir sogar eine Glückwunsch-E-Mail und gaben sofort meinen Account wieder frei, damit ich noch am Sonntag wieder spielen konnte. Ich bin ziemlich sicher, dass mein Video der Grund dafür ist, warum die Onlinepoker-Websites heute die Maximalzahl von Tischen pro Spieler auf 24 Stück begrenzen.

Maria: Wie hast du dir online deine Bankroll aufgebaut?
HEVAD: Naja, nachdem ich 15 Mal nachgezahlt hatte, habe ich endlich bei den $16 Sit & Gos die ersten Erfolge erzielt - das ging nachher so weit, dass ich über 7.000 SnGs im Durchschnitt 7% ROI aufweisen konnte. Das klingt prozentual nicht besonders aufregend, aber wenn man das auf 7.000 SnGs hochrechnet, kommt eine ganz schöne Summe dabei raus.

Maria: Wirklich 7.000 Sit & Gos?
HEVAD: Das ist gar nichts. Inzwischen habe ich über 27.000 Sit & Gos, 2.000 Turniere und 150.000 Hände bei Cashgames gespielt - und alles ganz genau nachgehalten. Und dabei rede ich nur vom Online-Poker, nicht von dem, was ich live noch spiele.

Maria: Rums! (kippt vom Stuhl)

HEVAD: Aber so bin ich nun mal, als Spieler und auch als Mensch. Multitabling war für mich immer etwas völlig Normales. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich dadurch mehr Geld gewonnen habe, denn das ist ganz sicher nicht der Fall, aber es hat mich zu einem besseren Spieler gemacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich inzwischen jede denkbare Situation im Poker gesehen habe - und jeden noch so üblen Bad Beat selbst erlebt habe. Trotzdem lerne ich immer noch was dazu. Außerdem sorgt das Spielen an vielen Tischen dafür, dass ich konzentriert bleibe - schließlich muss ich immer voll dabei sein, weil ständig schwierige Entscheidungen anstehen. Und genau das finde ich daran so reizvoll.

Maria: Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich kein großer Sit & Go-Fan, weil sie immer gleich und trotzdem so schwierig zu spielen sind (vielleicht bin ich auch bloß eine schlechte SnG-Spielerin). Aber ich bewundere Leute, die damit ihr Geld verdienen und auch noch Spaß daran haben. Was genau gefällt dir so an Sit & Gos?

HEVAD: Am besten gefällt mir an Sit & Gos - die ich im Augenblick übrigens kaum noch spiele, weil ich mich gerade mehr auf Turniere und Cashgames verlege - immer die spannende Frage, wer als erster "kneift", also die Nerven verliert. Bei SnGs dreht sich alles um All-ins und darum, im richtigen Augenblick zu callen oder zu folden. Es geht um mathematisch korrekte Entscheidungen, doch im Rahmen dieser korrekten Entscheidungen (die sich auf lange Sicht gesehen auszahlen sollten) gibt es immer wieder Momente, bei denen man kurzfristig alles auf eine Karte setzen muss - und dieser Gambling-Aspekt gefällt mir ebenfalls sehr. Allerdings sollte jeder Sit & Go-Spieler darauf achten, den Gambling-Faktor so weit wie möglich zu reduzieren, indem er ständig an seinem Spiel arbeitet und versucht, immer die "korrekteste" Entscheidung zu treffen. Aber sobald alle Chips in der Mitte liegen, kann man nur noch warten und hoffen, selbst wenn man als Favorit in den Showdown gegangen ist.

Maria: Noch mal zurück zu deiner Bankroll - wie hast du sie schließlich doch noch aufbauen können?

HEVAD: Neben den vielen Sit & Gos - die ich natürlich nicht gespielt hätte, wenn ich keinen Profit gemacht hätte - habe ich mich auf die $5+Rebuy-Turniere bei PokerStars konzentriert und damit meine Bankroll aufgestockt. Danach ging es eigentlich nur noch aufwärts. Zur Zeit konzentriere ich mich stärker auf die Turnierszene; außerdem spiele ich eine ganze Menge Cashgames. An den Cashgame-Tischen fühle ich mich sehr wohl, weil die Chipstacks nicht begrenzt sind; außerdem habe ich das Gefühl, dass die meisten Spieler dort eher ihr eigenes Blatt spielen anstatt die Blätter der Gegner.

Im Augenblick mache ich an diesen Tischen jedenfalls einen ordentlichen Schnitt, sowohl live als auch online.

Maria: Und wie hat es bei dir mit den Live-Turnieren angefangen?

HEVAD: 2006 gewann ich auf PokerStars einen Platz beim Main Event der WSOP. Ich habe mich damals so gefreut, dass ich in meinem Zimmer rumgeschrien habe - und mein Dad kam durch die Tür gestürzt, weil er dachte, ich hätte mich verletzt oder so was. Als er merkte, dass es dabei nur ums Pokern ging, wurde er richtig sauer … Damals war ein Ticket für das Main Event für mich eine Riesensache - schließlich hatte ich gerade mal $5.000 als Bankroll.

Maria: Und du hast dich mit fünftausend Dollar auf dem Konto entschlossen, ein Zehntausend-Dollar-Turnier zu spielen?

HEVAD: Damals konnte man den Platz noch nicht gegen W$ oder T$ umtauschen - und selbst dann hätte ich trotzdem beim Main Event gespielt. Diese Möglichkeit und dieses Erlebnis hätte ich für nichts eingetauscht - das war meine Chance, meine Träume wahr zu machen. Ich war noch nie einer von denen, die sich zurücklehnen und auf "den richtigen Moment" warten. Vielleicht ist das nicht unbedingt die richtige Einstellung für alle Bereiche meines Lebens - aber wenn ich etwas will, dann tue ich im Allgemeinen von mir aus alles dafür, dass ich es bekomme. Du weißt schon: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Aber 2006 war nur ein Vorgeschmack vom dem, was 2007 alles passieren sollte, und eine wichtige Erfahrung für mich, die mich auf den richtigen Weg gebracht hat.

2007 gewann ich fünf WSOP-Pakete bei PokerStars, und als ich in Las Vegas war, holte ich mir noch weitere 6 oder 7 Tickets in den Live-Satellites; die genaue Zahl weiß ich nicht mehr. Allein diese Satellites brachten mir also rund $50.000 ein, Reisespesen und andere Kosten abgerechnet - genug also für einen Haufen anderer Turniere, die während der World Series liefen, wie z.B. die beiden $1.500-Events, bei denen ich auch ziemlich weit kam (eines von beiden hat Hellmuth gewonnen). Außerdem wurde ich noch einmal Sechster bei einem $1.000-Turnier im Bellagio. Aber danach ging's ab zum Main Event - und was dann passierte, ist uns allen ja noch gut in Erinnerung …

Maria: Oh ja! Nochmals herzlichen Glückwunsch - das war eine tolle Leistung, auf die jeder Pokerspieler stolz wäre. Was war dein wichtigster Augenblick beim Main Event 2007?

HEVAD: Naja, abgesehen vom Finaltisch erinnere ich mich vor allem an Tag 3 - ein ziemlich heftiger Tag, denn ich saß an einem der härtesten Tische, die man sich überhaupt denken kann. Von den zehn Besten im Turnier hatte ich drei an meinem Tisch, und das waren allesamt harte Brocken. Direkt links von mir hatte ich Gus Hansen, und gegenüber saß Sorel Mizzi (Zangbezan24). Alle hatten reichlich Chips und niemand gönnte dem anderen auch nur irgendeinen Pot. Nachdem ich diesen Tisch überlebt und gut 600.000 Chips vor mir liegen hatte, wusste ich, dass ich es weit bringen würde.

Und am Finaltisch hatte ich eigentlich eine perfekte Position: Die Klassespieler saßen alle rechts von mir und die Shortstacks auf meiner linken Seite. Aber dann verlor ich ein paar entscheidende Coinflips, die mich einige Plätze gekostet haben, und als mein A-Q suited gegen Jerry Yangs Bubenpaar unterlag, musste ich mit Platz Sechs und $956.000 Preisgeld zufrieden sein - was immer noch der Riesengewinn ist, dem jeder Pokerspieler hinterher jagt. Und danach kam das Angebot, beim Team PokerStars Pro einzusteigen, was für mich sozusagen noch eins obendrauf bedeutete - ich hatte also mehr als genug Grund zum Feiern.

Maria: Auch dafür nochmals Glückwünsche! Und wie ist dein Leben seit der WSOP verlaufen?

HEVAD: Naja, direkt nach der World Series brauchte ich erstmal zwei Monate Pokerpause, und danach ging's mit voller Kraft zurück an die Turniertische. Ich begann mit der EPT London, dann kam die EPT Baden, dann Foxwoods, dann die APPT Macau (den Platz dafür habe ich mir mit einem $3,30-Satellite bei PokerStars erspielt), dann das 5 Diamond im Bellagio, das PCA, dann Borgata, danach die LAPC, und im Augenblick tanke ich gerade etwas Kraft für Foxwoods in der kommenden Woche, bevor es wieder nach Vegas geht, zunächst zum 5 Diamond im Bellagio und anschließend für zwei Monate zur WSOP. Für 2008 habe ich mir einiges vorgenommen.

Maria: Und zwischendurch findest du immerhin noch genug Zeit, um mit dem Sunday Warm-Up eines der größten Online-Pokerturniere überhaupt zu gewinnen.

HEVAD: Yeah - das war toll. Ich habe mir diesen fetten Online-Gewinn wirklich gewünscht, denn in Online-Turnieren ist es für mich bisher schrecklich gelaufen. Ich war zwar in einigen ziemlich lange dabei, habe aber gegen Ende immer die entscheidenden Pots verloren, die einen vom ganz großen Ziel abhalten. Aber jetzt am Sonntag lief es endlich mal richtig gut.

Als es an den Finaltisch ging, war ich Vierter in Chips, habe aber ein paar Runden lang überhaupt keine Karten bekommen und mein Stack schrumpfte immer weiter. Als nur noch sechs Spieler dabei waren, war ich der Shortstack und musste alles auf eine Karte setzen. Dabei kam mir meine große Sit & Go-Erfahrung zugute, weil man an so einem Finaltisch natürlich einiges mehr über seine Gegner und die Dynamik am Tisch erfährt als sonst im Turnier. Und letztlich war es auch eine Frage der korrekten Kalkulation - schließlich hatte ich gerade noch 12 Big Blinds und wollte unbedingt das Turnier gewinnen. Irgendwann foldeten alle vor mir, und ich saß mit :Qd:8d am Button und schob meine 12 BBs in die Mitte. Der Big Blind callte mit einem Paar Buben, aber ich bekam einen Straight gegen seinen Drilling zusammen, und danach wendete sich das Blatt und ich rollte das Feld von hinten auf und wurde schließlich Erster.

Nach meinem Sieg bin ich in meinen Boxershorts freudeschreiend durchs Haus gerannt - aber mein Bruder, der die ganze Zeit im Wohnzimmer saß und Halo 3 spielte, hat noch nicht mal aufgeblickt. Ein Online-Turniersieg hat also auch seine Nachteile, zumindest was die Siegesfeier angeht … Aber ich will mich nicht beschweren: Wenn ich nie wieder ordentlich abfeiern kann, dafür aber jedes Mal $97.000 gewinne, darf das ruhig so weitergehen!

Maria: Auch dafür meine Glückwünsche, Hevad. Anscheinend hast du dir deine Erfolge hart erarbeitet. Ich hoffe, das Glück bleibt dir treu, denn du hast mit Sicherheit die passende Einstellung und genug Energie, um im Poker wie im Leben konstant auf der Siegerstraße zu bleiben. Noch ein paar Worte zum Abschluss an deine vielen Fans?

HEVAD: Egal wie alt ihr seid: Wenn ihr dieses Spiel spielen wollt, braucht ihr Leidenschaft. Man kann beim Poker nicht erfolgreich sein, wenn man dieses Spiel nicht liebt. Und außerdem braucht ihr große Entschlossenheit und viel Fleiß und Arbeit, denn auch das ist Pokern: SEHR harte Arbeit. Schaut euch die Spieler an, die ihr am meisten bewundert: Sie lieben und respektieren das Spiel und ihre Gegner, und das zeigt sich auch in ihrem Spiel. Wenn ihr Erfolg haben wollt, müsst ihr Pokern wirklich ernst nehmen - auch wenn es einen Heidenspaß macht!