Peter Eastgate: “So haben Sie Erfolg im Main Event.”

Von Peter Eastgate - Team PokerStars Pro-Mitglied und amtierender World Champion

Ich werde regelmäßig gefragt: "Was ist eigentlich die beste Strategie für das WSOP Main Event?" Meiner Ansicht nach lässt sich das Main Event mit keinem anderen Turnier vergleichen - die Anzahl der Spieler ist viel höher als bei jedem anderem Turnier mit großem Buy-in, dazu kommt, dass die Qualität der Spieler sehr unterschiedlich ist.

Viele Freizeitspieler gehen hier an den Start - entweder weil sie sich online qualifiziert haben oder weil sie unbedingt einmal bei diesem Turner dabei sein und um Ruhm und Reichtum mitspielen wollen. Diese Vorraussetzungen sorgen für ein einzigartiges Turnier: Im Gegensatz zu einem PokerStars EPT-Turnier oder einem WPT-Event kann man sich hier bis zum Turnierstart selten eine ideale Strategie zurechtlegen.

Ich bin im letzten Jahr (als ich das Turnier gewann) ganz bewusst ohne Strategie ins WSOP Main Event gegangen! Bei einem so großen Event gibt es einfach zu viele unbekannte Faktoren - von der Tischauslosung über die Qualität der eigenen Karten bis hin zum (und das ist der entscheidende Faktor) emotionalen Zustand der anderen Spieler am Tisch. Meiner Ansicht nach sollten Sie sich gut anschauen, was an Ihrem Tisch los ist und wie die anderen Spieler mit der Tatsache umgehen, dass sie in einem so großen Event dabei sind.

Es kommt mehr als sonst darauf an, dass man die Verfassung seiner Gegner am Tisch richtig einschätzt, um seine eigenen Entscheidungen der jeweiligen Situation entsprechend anpassen zu können.

 

Der Schlüssel zum Erfolg in langen und harten Turnieren wie dem Main Event ist die richtige Balance zwischen dem Ansammeln von Chips und der Verteidigung des eigenen Chipstacks. Natürlich kann man seinen eigenen Chipstack immer am besten dadurch schützen, dass man seinerseits Chips ansammelt - doch sollte man sich stets darüber im Klaren sein, wie weit man beim Sammeln von Chips zu gehen bereit ist. So war ich beim letztjährigen Main Event besonders stolz auf die Tatsache, dass ich nur zwei Mal meinen gesamten Chipstack mit einem All-in aufs Spiel setzen musste.

Dies war mir vor allem deshalb möglich, weil sich die Turnierstruktur beim Main Event recht langsam aufbaut. Ich hatte während des größten Teils des Turniers einen überdurchschnittlichen Chipstack und habe kaum Hände gespielt, bei denen ich vor dem Flop viele Chips investieren musste. Ich folgte einer Art "Small Ball"-Strategie, die bei einigen der besseren Pokerprofis zur Zeit sehr hoch im Kurs steht - im Grunde eine Strategie, bei der man versucht, die Potgröße zu kontrollieren. Wie gesagt: Ich hatte mir vor Turnierbeginn keine Strategie zurechtgelegt, doch angesichts meiner Tischauslosungen erwies sich das "Small Ball"-Spiel als besonders erfolgreich.

Ich habe mich mit verschiedenen sehr guten jungen Turnierprofis unterhalten, die mir von schweren Tischen erzählten, an denen sehr aggressiv gespielt wurde - was natürlich zu höheren Schwankungen in den Chipcounts führt. Ich dagegen hatte Glück und erwischte relativ leichte Tische, an denen ich meinen Stack langsam ausbauen und die Potgröße kontrollieren konnte, weil ich selten auf aggressive Gegenwehr stieß.

Außerdem sollte man sich immer vor Augen halten, dass kein Spieler so ist wie der andere. Bei einem so langen und aufreibenden Turnier wie dem Main Event kommt es darauf an, sich selbst und seinen Gewohnheiten treu zu bleiben. Manche Spieler laufen vor dem Turniertag 10.000 Meter, andere essen lieber Obst oder rauchen eine Schachtel Zigaretten. Jeder sollte das tun, was ihn besonders konzentriert und körperlich fit macht, um so dem Druck eines Turniertags standzuhalten.

Zusammengefasst glaube ich nicht, dass es eine "ideale Turnierstrategie" gibt, die einem den Erfolg garantiert. Stattdessen sollten Sie versuchen, jede Situation im Turnier einzeln zu betrachten und zu bewerten - um dann der Strategie zu folgen, die Ihrer Meinung nach am besten zu dieser Situation passt. Auf diese Weise haben Sie die größten Chancen, in einem Turnier ganz weit nach vorn zu kommen. Außerdem sollten Sie in einer Hand immer versuchen, ein paar Schritte im Voraus zu denken: "Was wird auf dem River passieren, wenn ich den Turn calle?" oder "Welche Summe wird mein Gegner wahrscheinlich setzen?" Bei allem aber sollten Sie nicht vergessen, dass nach diesem Turnier noch viele weitere kommen werden. Wer sich selbst zu sehr unter Druck setzt, spielt zu angespannt - und Sie müssen entspannt sein, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können, und cool bleiben, wenn die ersten Plätze immer näher kommen und der Druck steigt.