Der September läutet das letzte Trimester des Kalenderjahres ein und langsam werden Prognosen zum PokerStars Tournament-Leader-Board aussagekräftig. Umso schöner, dass auch ein Spieler aus Deutschland ganz oben mitspielt. Joscha45 liegt derzeit in den Top 15 und ist damit bester Spieler aus unseren Breitengraden. Anfang des Jahres hat der Super-Nova-Spieler zudem mit der deutschen Mannschaft beim World Cup of Poker 2009 den Sieg eingefahren.
Also mehr als genug Gründe für ein Interview. Der 41-jährige Vertriebsleiter im Sondermaschinenbau hat sich Zeit genommen und stand Rede und Antwort. An dieser Stelle gleich einmal ein riesiges Danke an ihn.
PokerStarsBlog: Hallo „Joscha45". Beginnen wir direkt mit deinen Anfängen. Wie und wann kamst du zum Pokern?
Joscha45: Das erste Mal war ich wohl so um die 17 Jahre. Da haben wir angefangen nach dem Tischtennis einen gepflegten Skat in der benachbarten Kneipe zu spielen, um dann später ins Hinterzimmer zum "Mikado" zu wechseln. Waren natürlich nur kleine Einsätze, aber zum Üben gerade recht. Dann später, während ich hauptsächlich mit Billard einen Studienzuschuss erwirtschaftet habe, traf man sich regelmäßig auch wieder zu einer Pokerrunde. Damals, ungefähr 1992, war die Spielart aber noch Five-Card Draw.
PSB: Wann und wie bist du zu PokerStars gekommen?
Joscha45: Nach der Weiterbildung war wenig Zeit und ich hatte andere Prioritäten, sodass eine lange Pause folgte, bis ich irgendwann mal Online Poker gegoogelt hatte. Ich bin direkt bei Stars gelandet. Das war 2004 - daher auch mein Nick, damals war das nämlich unser Hund. Da habe ich dann relativ schnell beim 3er-Rebuy getroffen und habe meistens Spaß beim Spielen gehabt, manchmal auch mehr aber eben nicht wirklich nennenswert.
PSB: Ab wann hast du intensiver und gezielter gespielt?
Joscha45: Nach vielen Trainingseinheiten und Weiterbildungsmaßnahmen in Sachen Poker - Internetplattformen und -Foren sowie etliche Bücher - spiele ich seit circa Oktober 2008 konstant profitabel. Somit haben sich auch die Sitzungsdauer und Anzahl der Spielsessions gesteigert, auf einige Stunden pro Woche und fünf Spieltage im Schnitt.
PSB: Turniere scheinen dir ja zu liegen. Ist das deine Leidenschaft oder sind es eher die Cashgames?
Joscha45: Ganz klar Turniere - beim Cashgame bin ich zwar bis etwa $3/$6 profitabel, aber Turniere finde ich eindeutig spannender, da sich die Struktur und somit Strategie ständig ändert. Außerdem geht nichts über das Erreichen eines Final Tables oder - noch besser - ein Sieg in einem großen Feld. Ich denke auch, dass beides gut zu können ziemlich schwer ist, da die Situationen, Strategien und Feinheiten doch teilweise sehr unterschiedlich sind.
PSB: Beim TLB liegst du ja ganz weit vorne.
Joscha45: Momentan pendele ich zwischen Platz 11 und 15 und versuche den Sprung unter die Top Ten zu schaffen. Allerdings ist das sehr schwer, da die Leute in dem Umfeld wohl fast alle Profis sind und mehr Zeit aufbringen können. Und naja, der ein oder andere „shaundeeb" oder „moorman1" wird mit Sicherheit auch noch eine bessere Performance an den Tag legen.
Wenn ich allerdings noch ein Major-Tunier, wie das $100er-Rebuy oder das Sunday Warm-Up dieses Jahr gewinnen kann oder ganz vorne lande, dürfte ich wohl einen großen Satz machen. Aber solch einen Erfolg habe ich mir noch nicht bescheren können. Einige Male bereits am vorletzten Tisch mit einem Coinflip an die Rails geschickt worden und das war es dann mit dem Kapitel bisher dieses Jahr. Das Sunday Million oder das Sunday 500 und sonstige kann ich leider nur spielen, wenn ich montags freihabe.
PSB: Anfang des Jahres hast du mit dem „Team Germany" den WCP 2009 gewonnen. Was für eine Erfahrung war das?
Joscha45: Das war sicher das Größte bisher. Mit den Topstars am Tisch zu sitzen und gleich einige von denen und dann auch noch zu gewinnen. Nachdem das doch äußerst selbstbewusste US-Team als 4. an die Rails geschickt wurde, war es einfach genial. Zwar waren wir alle richtig fertig nach 18 Stunden Dauerpokern und Mitfiebern, aber jederzeit gerne wieder.
PSB: Wie war die Stimmung im Team und die Kameradschaft untereinander?
Joscha45: Interessant. So eine durchgewürfelte Truppe habe ich das letze Mal bei der Marine gesehen. Man hat sich vorher noch nie gesehen und muss dann als eingespieltes Team fungieren. Mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und Spielweisen. Schon definitiv eine Herausforderung.
Aber ich denke, dass haben wir ganz gut geschafft. Auch wenn es ein paar heiße Diskussionen während des Turniers gab. Zu Malte Strothmann - seinen geilen Call gegen Lee Nelson werde ich nie vergessen - habe ich ab und zu noch Kontakt. Online und zuletzt bei der WSOP. Peter Schmidt sehe ich auch des öfteren Online, Jan Heitmann nur flüchtig und bei Bastian Wulff habe ich keine Ahnung, was der zurzeit macht. Aber der ist ja noch jung und wird irgendwann wieder auftauchen.
PSB: Wie waren die Gefühle direkt nach dem Sieg?
Joscha45: Umwerfend und natürlich ein bisschen weltmeisterlich. Aber eigentlich mehr wie im Kino und als Zuschauer. Wie der bekannte Spruch ja heißt "das realisierst Du erst viel später". Es wird wohl ein Weilchen dauern, bis sich solch ein Gefühl wieder einstellt - aber wir arbeiten ja dran.
PSB: Und was hast du empfunden, als du wieder zuhause warst?
Joscha45: Wo gibt es das auf Video? Hat das irgendjemand aufgenommen? Aber keiner hat sich gefunden. Mein Kumpel, Ludger vom Schott, sagte nur, dass ich wohl so etwas wie Eier hätte, als ich in meiner attraktivsten Hand den mexikanischen Kapitän im Multi-Pot mit Shaun Deeb ja schön abgezockt hatte.
Na ja, nach langem Warten kam es ja dann jetzt auch im DSF und drei Leute haben es parallel aufgenommen. Zur Sicherheit, da das DSF keine Kopien rausgeben darf. Gesehen habe ich es aber immer noch nicht.
PSB: War das dein erstes Live-Major?
Joscha45: Ich hatte vorher bereits ein paar Tickets gewonnen (WSOP, PCA) und San Remo 2008 war mein erstes Live-Turnier. Allerdings mit sehr schlechten Erinnerungen, da ich die ganze Zeit Grippe hatte und mit Fieber am Tisch gehangen habe. Nach einigen Spielstunden war es dann auch endlich vorbei.
PSB: Versuchst du dich erneut für die PCA oder den WCP zu qualifizieren?
Joscha45: Ich habe gerade die Qualifikation für die WCP mit Hessen spielen dürfen. Diesmal habe ich meinen Tisch gewinnen können, aber leider hat es knapp nicht gereicht zum Finale. Bei der Qualifikation im letzten Jahr bin ich als Erster vom Tisch geflogen. Das war echt übel. So richtig verdonkt. Aber die Kollegen hatten allesamt ihre Tische gewonnen. Somit hatte es dann doch gereicht und ich war eine Kiste Bier beziehungsweise einige Bahamamamas los und konnte vielleicht ein wenig live beim WCP-Finale zurückgeben.
Für die PCA 2010 will ich mich aber definitiv qualifizieren und dann auch mit meinen ganzen Mädels - Frau und drei Töchter - hin. Ich denke ein schöneres Umfeld bei Live-Turnieren ist schwer auszumachen.
PSB: Die WCOOP hat gestartet. Willst du vor allem Punkte für das TLB holen oder gibt es auch reichlich Motivation in Form von Spaß, Bracelet oder Sonstigem?
Joscha45: Spaß ist immer dabei, sonst macht es überhaupt keinen Sinn zu starten. Und bei dieser Turnierserie wird eine Menge Spaß dabei sein. Zudem trifft man auch viele Leute. Da wird dann wieder die Fähigkeit gefragt sein, neben dem Multitabling auch noch zu chatten . Aber ich werde es mit der Tischanzahl während der WCOOP nicht übertreiben, da dies auch zu entscheidenden Fehlern führen kann. Natürlich gibt es bei den Feldern und Buy-ins zusätzliche Chancen auf TLB-Punkte. Und ein Bracelet wäre mal echt cool.
PSB: Wie viele Turniere willst du spielen?
Joscha45: Momentan habe ich mich für 12 Turniere gemeldet, vielleicht kommt noch ein Omaha-Nachzügler kurzfristig dazu, wenn es die Multitable-Kapazitäten zulassen.
PSB: Und welche Events wirst du spielen?
Joscha45: Alle die sich mit meinem Job vereinbaren lassen. Das heißt jeder Event, der gegen 20:00 unsere Zeit anfängt oder am Wochenende ist. Nur beim Main Event klappt es leider nicht, da zu der Zeit eine wichtige Messe anfängt.
PSB: Wie sieht dein Pokerplan nach der WCOOP aus. Sind Turniere der European Poker Tour fest geplant oder nur, wenn du dich qualifizierst?
Joscha45: Ich habe momentan keinen Urlaub mehr für EPT-Turniere übrig. Dementsprechend spiele ich dann auch keine Satellites. Aber vielleicht ändert sich beruflich noch etwas, dann könnte das natürlich aktuell werden. Ansonsten werde ich mich wohl bis zur PCA gedulden müssen.
PSB: Der Final Table der World Series of Poker findet im November statt. Schon für die WSOP 2010 Pläne geschmiedet?
Joscha45: Das ist ein Event, der bei mir oben auf der Wunschliste steht. Wobei ich dieses Mal den zweiten Tag überleben sollte, denn eine Woche Sightseeing in und um Las Vegas reicht mir persönlich. Aber Pokern soll man dazu ja auch noch nebenbei können.
PSB: Zusammenfassend. Was waren deine größten Pokererfolge?
Joscha45: Live die WCP. Ansonsten ein paar kleine Turniere im sehr schönen und gut organisiertem Casino Wiesbaden. Online Siege beim $100-Freezeout, dem Daily 50 Grand, dem $10er-Rebuy et cetera. Dann wie schon erwähnt, einige tiefe Runs bei den großen Sonntagsturnieren.
PSB: Was war deine längste Session?
Joscha45: Das war geil und bekloppt. Das $20-Deepstack mit Beginn Samstag um 0:00 Uhr. Fertig war ich um 12:30 sonntags, immerhin wenigstens mit dem Turniersieg in der Tasche. Aber das will ich mir nicht nochmal geben - schlimmer als jeder Jet Lag.
PSB: Du bist berufstätig, hast Familie und bist sehr erfolgreich im Pokern. Ist es schwer, beide Welten unter einen Hut zu bringen? Wie sehr hat sich Poker in deinem Leben breitgemacht. Gibt es beispielsweise noch einen Urlaub ohne Pokern?
Joscha45: Es ist ein beliebtes Hobby mit leichtem Potential zu mehr würde ich sagen. Urlaub ohne Poker ist seltener geworden aber ein Mal im Jahr fahren wir garantiert nach Südtirol. Komplett ohne Zocken ..... außer vielleicht am Sonntagabend.
PSB: zu guter Letzt noch eine persönliche Frage. Was hat es mit dem Schwein im deinem Avatar (Link zu dem Bild) auf sich?
Joscha45: Das ist ein „Holy Pig". Diese Schweine wiegen bis zu einer Tonne. Eines dieser heiligen Schweine habe auf einer Reise nach Taiwan „kennengelernt". Die Bauern dort machen einen jährlichen Wettbewerb - wer züchtet in zwölf Monaten das dickste Schwein. Die Tiere werden also nur gemästet, können nicht laufen und werden massiert. Sie bekommen Musik vorgespielt, damit die Verdauung schneller arbeitet. Nach der Kür gibt es ein Fest (-schmaus). Eigentlich Tierquälerei und ein bisschen pervers, dennoch eine einprägsame Erinnerung und ein cooles Bild.








